Brauner Montag

Sie reihen sich ein die Sachsen, sie wachsen, über sich selbst hinaus in ihrer Hohlheit und Verdummung.

Dogmatisch in jedem Sinne haben sie mit fremden Sitten nichts am Hut. Mitgefühl gilt höchstens dem eigenen Hund.

Die Verfolgten, die Traumatisierten haben keinen Platz in der rechtschaffenen Struktur, sie sind was sie sind eine gesellschaftsfeindliche Kreatur.

Die Waffenlieferung, die Exporte werden abgenickt, Geld fließt in die deutschen Straßen, weit weg das Inferno, können die Sachsen das Grölen nicht lassen.

Die Menschen überqueren die Grenzen, wollen Sicherheit, Frieden für ihre Kinder, einen warmen Platz im Winter.

Braun war das Volk und ist es noch in den Werkstätten der erzgebirgischen Drechsler, den Pirnaischen Baumärkte und den Freitaler Stuben. Braun so braun fließt die Scheiße über den Platz , rufe ich laut beendet die Hatz und schaut den Feind im eigenen Herzen, die Angst und die Gier.

 

(aufgewachsen in Freital bei Dresden, sah und sehe ich den Hang zur Fremdenfeindlichkeit und erlaube mir aus dieser Position die Sachsen zu schelten)

American Western Saloon

019

Klischees organisieren sich, gefasst an einem Ort. BHs, Whiskey Flaschen, Elche, Pferde, Sättel, Kentucky Aufschriften ranken von den Wänden.

Cowboys jodeln mit den Händen, spitzen die Hacke, drehen die Bäuche, tanzen die Line, tippeln und trappeln auf die unmännlichste Art fein.

Western Saloon, eingepfercht, zwischen den Häuser Fronten. Ein Kleinod bemühst du den Geist der Helden, der Westernfiguren, die schon längst sind verloren in den Weiten der TV Bildschirme.

Gespräche mit dem Kleenen/ Hammerboy

Der Kleene, Maria und ich verbrachten den Herbsturlaub auf dem Land. Wir wurden von der Hausbesitzerin als Familie begrüßt. Ich lehnte vehement ab. Maria und ich hatten keinen Trauschein. Nein wir waren in keinster Weise zusammen. Wir hatten nur irgendwann beschlossen Freunde zu sein. Nicht das ich Frauen für uninteressant befand. Ganz im Gegenteil, doch der sexuelle Reiz erschloss sich mir offen gesagt noch nie. Für mich galten Männer noch immer als mein absolutes Zielobjekt. Den Hahn gezogen und abgeschossen…

Eines späten Nachmittags einigten wir uns auf einen losen Spaziergang. Der Kleene tat sich schwer mit der frischen Luft, denn er war schon mit Harry Potter zusammen in der zweiten Klasse gelandet. Er wollte unbedingt in die Kammer des Schreckens, nur dass es bis zu diesem Ungemach noch einige echte Abenteuer zu erleben galt.

„Ich will nicht“, schimpfte er.

„Du musst!“, sagte ich.

„Du kannst mir nichts befehlen. Ich habe Rechte, Kinderrechte.“

„Das ist alles Quatsch. Die gibt es nicht. Überhaupt nur weil die auf Kika immer laut grölende Gören bringen, die irgendetwas von freier Meinung quatschen, heißt das noch lange nicht das du machen kannst was du willst. Außerdem tut die Frischluft den Menschen gut und dir bestimmt auch“, schubste ich ihn zur Haustür hinaus.

„Wenn’s sein muss“, knurrte er unanständig.

Wir liefen die Straße hinunter, vorbei an Wiesen und Pferden, deren Köpfe neugierig über den Elektrozaun lugten. Wir passierten die Kirche mit dem anliegenden Friedhof. Plötzlich kam ein kleiner Junge auf einem Plastiktraktor mit Anhänger die Seitenstraße herunter geknattert. Er trat kräftig in die Pedalen, passierte und schaute interessiert an uns hoch. Dann fragte er mich wie der Kleene hieß.

Ich wies ihn daraufhin, dass ich keine Übersetzerin wäre und er gefälligst selbst fragen könne. Er leistete dem augenblicklich Folge. So entspann sich ein Gespräch mit langen Pausen zwischen dem Kleenen und dem noch Kleeneren.

Das Dorf hatte drei Straßen. So kehrten wir alsbald an seinem Haus vorbei. Dort stieg er von dem Gefährt ab, rannte in den Garten und kam mit einem Eisenhammer zurück. Damit klopfte er auf den Rasen. Dann folgte der Straßenbeton und die Hauswand. Die Eltern zeigten sich nicht. Kein Mensch weit und breit zu sehen, der ein Auge auf den Jungen hatte.

Ein richtiges Dorfkind, nickten Maria und ich uns zu.

Inzwischen war es stockdunkel. Der fünfjährige wollte unbedingt mit uns weiterziehen. Ich dachte an die tausend Gefahren, die da draußen lauerten, doch das Kind ließ sich nicht vom Weg abbringen. Er schwenkte den Hammer…

Gut, wenn es denn unbedingt sein muss, aber Vorsicht hob ich den Zeigefinger.

Sogar der Kleene zeigte Respekt und ging einige Meter hinter ihm.

Fortwährend knallte er das Werkzeug gegen jegliche Zäune, Bretter, und Baumstämme.

Ich räusperte mich.

In dem Fall tat das Kind als gehöre es nicht zu uns. Plötzlich drehte er auf die Wiese ab. Laut schrie er mit heller Stimme, dass wir warten sollten. Er müsste pinkeln.

Sonst gibt`s was mit dem Hammer, flüsterte ich.

Nach der Pinkelpause erreichten wir nach vielen kleinen Schritten unsere Unterkunft. Der Junge mit dem Hammer wollte mit rein.

„Nein, nein, hob ich die Hände vor die Brust. Hier der Kleene…“, schubste ich ihm die Schuld in die Schuhe. „Der muss noch Schule machen. Mathe lernen. Er schreibt bald ne Arbeit.

Ach morgen ist doch das große Feuer. Kommst du auch hin?“, hakte Maria ein.

Ich hoffte insgeheim auf eine Antwort wie ich bin zu klein dafür oder meine Eltern lassen mich nicht.

„Ich komme“, schnurrte er in die Nacht.

„Und verkleidest du dich?“, fragte sie ihn.

„Ein Spidermankostüm ziehe ich an.“

„Oh toll, dann sehen wir uns ja morgen. „Sollen wir dich noch nach Hause bringen? Findest du den Weg überhaupt?“, hörte ich sie sagen.

Das Hammerkind schwieg, drehte sich hammerschwingend in Richtung der Straße.

Auf wiedersehen winkten wir alle hinter her.

Im Schutze unserer kleinen Ferienwohnung feuerten wir den Kaminofen an. Das Holz loderte gemütlich und wir saßen auf den Stühlen davor.

„Irgendwie seltsam das Kind“, sagte ich.

„Warum der überhaupt so einen Hammer mit nimmt“, gab der Kleene zu bedenken.

„Hammerboy“, raunte Maria.

„Der gefährliche Hammerboy“, stimmte der Kleene in Vorfreude auf Halloween mit ein.

„Des Nachts kommt er zur Tür mit seinem Hammer herein und dann ist es um uns geschehen…“, senkte Maria ihre Stimme.

„Und die Tür ist verdammt noch nicht mal abgeschlossen“, presste ich die Lippen aufeinander. Wir besaßen wirklich keinen einzigen Schlüssel. Die Vermieterin war sich ja vollkommen sicher, dass im Dorf nicht eingebrochen wurde, nur an Hammerboy hatte sie nicht gedacht.

„Mama, du kannst ja einen Stuhl vor die Tür stellen“, griff sich der Kleene das Nintendo.

„Super Idee. Das mache ich. Dann höre ich wenigstens wenn er tief in der Nacht kommt….“

Am nächsten Abend trafen wir Hammerboy am großen Feuer. Wir erkannten ihn zuerst nicht, da er ein Skelettkostüm trug und nur einige Grunzlaute von sich gab. Als wir nach einiger Zeit feststellten, dass er es war, freuten wir uns riesig. Leider kam es zu keiner weiteren Kontaktaufnahme da die Eltern diesmal nah bei ihm standen. Auch war er in gewisser Weise uninteressant für uns geworden. Jetzt hielt er nur noch einen lapidaren Plastiklaternenstab in der Hand, welcher unsere Phantasie keinerlei beflügelte.

Nachricht

Keine Nachricht, kein Rauchzeichen.

Meine Weichen, die gestellt, in die Richtung gebellt, auf den Weg gebracht, liebesglückend erwacht, den Verlauf der Sonne folgend im Blick. Still gestanden an der Kreuzung wartend, ängstlich kastriert, gleich passiert, gleich rauscht es im Hörer, gleich die Leitung knackt, in den Ohren es trommelt, es laut kracht.

Da kommt nichts, da wird nichts passieren, gleich bleibt die Stille, gleich rauscht der Wind durch die Wipfel. Gleich zieht der Nebel über die Gipfel. Der Rhythmus umgarnt. Das Warten vergebens, es hatte seine Zeit. Tränen drei fließen, hangeln sich traumatisiert in die  Nacht, das Herz klopft, laut aufgelacht, treibt der Motor des Vergessens.

Gespräche mit dem Kleenen/ Berufsstände

Der dritte Geburtstag eines Freundes in diesem Monat. So viele Kumpels wie er hatte, würde er zum Partyking werden. Die soziale Ader hatte er keinesfalls von mir. Trotzdem, ich hieß das Partygemenge gut. Der Kleene sollte seinen Spaß haben, auch wenn die Finanzierung der Geschenke meine Wenigkeit traf.

Die Eltern des Geburtstagskindes boten auf. Ein buntes Klettern mit all den Gören war anberaumt. Pünktlich um sieben Uhr Abends sollten die Feierwütigen abgeholt werden.

Ein gut aussehender Mann öffnete die Tür. Sicherlich gehörte er nicht zu der modernen Väterschaft, redete ich mir ein. Er lächelte freundlich, redete jedoch nicht. Sprach er kein Deutsch? Sollte ich ihn mit einer Mischung aus spanisch und englischen Floskeln die Kindererziehung näher erläutern?

Der Kleene zischte vorüber, mit ihm zwei andere Kinder. „Halt“, setzte ich den Befehl.

„Oh nein, noch nicht“, verfiel er plötzlich in ein lautes Jammern, als er mich erblickte.

„Doch, Kindergeburtstag ist vorbei“, nickte ich.

„Ich will aber noch nicht gehen.“

Gerade wollte ich ansetzen, zu wenn es am Schönsten ist…, als die Geburtstagsmutter vorbei schneite. „Wir haben noch gar nicht gegessen. Wenn du willst kannst du hier bleiben“, säuselte sie mit zarter Stimme.

„Ja, also warum nicht“, glaubte ich mich in freudiger Erwartung auf Gurken und ein Glas Wein. Ich trat einige Schritte in den langen Flur. Dann suchte ich den Kleenen auf und verkündigte ihm die frohe Botschaft.

„Ich will nicht, dass du hier bist“, zog er die Nasenflügel zusammen.

„Warum den nicht und überhaupt rede nicht in so einem Ton mit mir“, versuchte ich die mütterliche Autorität zu retten.

„Ich will es nicht“, verflüchtigte er sich in das Kinderzimmer.

Die Einsicht währte. Sicherlich hätte ich es damals auch nicht sonderlich großartig geheißen, wäre meine Mutter in die leerstehenden Häusern eingedrungen, hätte ausgeschenkt und eine Tüte nach der anderen geraucht. Nein, ich glaube, dass wäre nichts mir für mich gewesen. Die Rebellion beanspruchte ich ganz für mich allein. „Hör zu“, zupfte ich ihn am T-Shirt. „Ich gehe noch mal ne Runde um den Block. Ich hole dich in einer halben Stunde ab.“

Ungehört vertiefte er sich in das dämliche Legospiel. Ich verschwand nach unten, lief durch die Straßen vom Prenzlauer Berg, schoss Bilder von abendsonne beworfenen Fassaden und kehrte lässig zum Ort des Geschehens zurück.

Die Geburtstagsmutter öffnete wiederholt die Tür. Der lächelnde Mann von vorhin war verschwunden.

„Na, wie war die Party“, setzte ich das Gute-Laune-Gesicht auf.

„Musst du deinen Sohn fragen“, antwortete sie mit näselnder Stimme.

Aha, dachte ich. In Fragen der Kommunikation war sie wohl nicht sonderlich geübt. Sicherlich gehörte sie zu den Selbständigkeitsmüttern die keinerlei Auskunft erteilten.

Nichts desto trotz kam der Kleene angetrottet.

„Los auf geht’s“, begrüßte ich ihn.

„Hallo Mama“, zog er sich die Schuhe an. Die Wangen leuchteten verdächtig rot.

„Bist du krank oder was ist los?“

„Nee wir haben nur Fußball gespielt“, antwortete er müde.

Während wir die Treppen nach unten polterten grinste er vor sich hin. „Antons Freunde sind verrückt. Der eine hat sich immer wieder aufgeregt und geheult. Der andere würde ich sagen, war einfach komisch.“

„Also, du meinst, dass man die Augenbrauen hochzieht und sich gehaltvoll räuspert?“

„Na ja, also komisch, also so, dass er später bestimmt mal in den Knast kommt.“

„Was in den Knast?“, rief ich aus.

„Oder vielleicht auch nicht, vielleicht wird er ein normaler Bürger oder ein Polizist“, wiegelte er ab.

„So ist das im Leben, ist alles nah beieinander, einer der für die Gerechtigkeit einsteht und einer der ein Dieb ist“, zog ich ihn an der Hand über den Fußweg.

„Ein Polizist der klaut?“

„Nicht ganz, ein zu komplexes Thema“, summte ich in die Dunkelheit. Mein Gehirn bildete Tütchen ab, an denen sich die Herren der Sicherheit vergriffen. Ich hatte nicht vor das gesamte Weltbild des Kleenen, die nahestehende Einteilung in Gut und Böse zu ruinieren, also schwenkte ich um.

„Los, komm, beeil dich ein bisschen. Du musst gleich ins Bett. Morgen ist wieder Schule.“

„Was, ich will noch Fernsehen gucken?“, erregte er sich.

„Nee, Fernsehen gibt es nicht. Du warst eindeutig zu lang auf der Party“, diskutierten wir uns beide in Rage bis wir endlich vor der heimeligen Tür der Prenzlauer Berg Wohnung standen.

Gänseleben

20140831_112919Sie schnattern, jubilieren, hüpfen aufgeregt auf den Gänsefüßen, sie grüßen lauthals den Herren. Der bringt sie aufs grüne Feld, gibt ihnen Futter, redet auf sie ein, „Husch, husch ihr Gänselein.“

Gleich einem Hund folgen sie aufs Wort, ganz im Vertrauen zu ihm und dem warmen Hort. Im Stall liegt Stroh, wohlgefühlt kehren sie abends in die Behausung, legen sich nieder, eng aneinander geschmiegt, in den Schlaf gewiegt, denken sie nicht an Morgen, schnattern die Traumlieder.

Der Herr sie nicht zum Spaße hält. Dick und rund sieht er sie auf dem Teller platziert zur Weihnachtszeit. Es ist noch weit, noch hin, noch fünf Monate, bis dass das Schlachtermesser gezückt, die lustigen Gänselaute entrückt, verklingen dann im Grau der Dezembernächte.

Ach wären sie nur, hätten sie nur, dem Herren nicht vertraut, auf sich selbst gebaut, auf die Flugkünste, die Überlebenskraft. Ach hätten sie nur die Chance genutzt, wären über den Zaun geflogen, dann könnten sie noch ein wenig länger im Sonnenschein taumeln.

Gespräche mit dem Kleenen

Geistertür ja, aber bitte kein Blut!

Der Finger schmerzte. Hinzu kamen Horrorgeschichten von einer drohenden Blutvergiftung. Das Internet bescheinigte mir eine Fingernagelbettinfektion. Also beschloss ich zusammen mit dem Kleenen an einem schönem Samstag Nachmittag zum Klinikum Prenzlauer Berg zu flanieren

Der Spaziergang bestand aus einer Mischung von Langeweile und Fragerei. Wo ist das? Wann sind wir da und du hättest mich auch zu Hause allein lassen können, formatierte sich die Konversation.

„Was weiß ich denn was du dann anstellst.“

„Ich lade all meine Freunde ein und dann machen wir ne Party.“

„Ha, ha“, zog ich die Brauen nach oben.

Nach einer langsamen Schrittfolge tat sich vor uns der altehrwürdige Ziegelbau auf. „Da sind wir“, diagnostizierte ich den Zielpunkt.

Der Kleene war wahrlich begeistert von der Automatiktür. „Mama, das ist ja wie in einem Geisterhaus“, schaute er beeindruckt hinter sich.

„Ja, genau“, antwortete ich abwesend. Langsam kroch die Angst vor Ärzten und Bakterien in mir hoch.

„Echt toll“, zischte er.

„Was das Krankenhaus?“, erwiderte ich entsetzt.

„Na die Tür. Die geht von allein auf und zu.“

„Das du so was gut finden kannst. Hier entlang…!“, setzte ich die Anweisung und folgte dem Schild mit der Aufschrift Notaufnahme.

Nach der Anmeldung nahmen wir Platz. Die Glotze lief. Neben uns saß ein Mann mit kaputtem Gips. Aufrecht hielt er den Arm. Zur anderen Seite befand sich ein Pärchen. Sie kicherten unablässig über die Szenen im Fernsehen.

Der Kleene wandte sich dem Nintendo zu.

Es wurde immer lustiger. Die Kinder der Serie bekriegten sich nur wegen einer lapidaren Baseballkarte. Ich war vollkommen abgelenkt, dachte keineswegs mehr an die aufkommenden Schmerzen. Ich lachte mich ebenso kaputt bis das die Werbung die gute Laune ruinierte. Bei der Fußpflege schaute der Kleene auf.

„Das ist total doof. Warum wollen die Menschen weiche Füße. Die Füße müssen hart sein“, erregte er sich.

„Natürlich, die Füße müssen dich tragen. So ein bisschen Hornhaut schadet da nicht. Die Leute wollen heutzutage wie Babys aussehen. Schöne weiche Haut und bloß nicht alt und runzlig werden“, erklärte ich ihm das gängige Schönheitsideal.

„Komisch“, legte er den Denkerblick auf. „Man sieht doch echt toll aus, wenn man alt ist.“

„Na ja geht so. Du denkst bestimmt an die Ninja Meister mit den langen weißen Bärten. Klar die sehen super aus, aber die anderen? Es ist und bleibt eine Frage der Wertung.“

„Wie meinst du das denn?“

Plötzlich hörte ich meinen Namen. Die schöne Zeit war vorbei. „Du bleibst hier. Okay, wartest schön auf mich. Du hast ja deine Spielsachen!“, sagte ich in ruhigem Ton.

Er blieb vollkommen gelassen. Entweder vertraute er auf die Konsole oder auf meine Überlebenskraft.

Die Ärztin war der Meinung, dass die Betäubung das Schlimmste war. Angstumantelt ließ ich die Spritze zu. Danach räckelte ich mich ungefähr zwanzig Minuten auf der Liege und langweilte mich zu Tode. Ich spitzte die Ohren nach Klagetönen des Kleenen. Nichts zu hören. Sicherlich amüsierte er sich prächtig.

Dann verfrachtete mich die Schwester in den gefliesten Raum nebenan. OP Liege trotz einer relativ lokalen Behandlung. Mir sollte es recht sein. Endlich mal im OP. Warum nicht. Die Ärztin kam behandschuht und mit Kopfhaube. Wieder machte sie ihre Sache sehr ordentlich. Dann ließ sie mich mit den Worten die Schwester übernimmt gleich den Verband, allein.

Okay, dachte ich. So schlimm kann’s ja nicht sein und richtete die Augen auf die Hand. Da sah ich den blutdurchtränkten Mull. Nicht gerade das schönste Bild.

Ich drehte den Kopf zurück. Plötzlich schaltete sich das Denken aus und der Schwindel überzog mich mit einer klanglosen Virtuosität.

„Mir geht’s nicht gut. Können sie mir bitte irgendwas geben“, sah ich mich schon am Tropf gefesselt. „Oder besser bleiben sie hier, ich glaube ich kipp gleich weg“, wurde mir heiß und kalt. „Irgendwie ist mir schlecht“, erwähnte ich die aufkommende Übelkeit.

Schnell reichte mir die Schwester ein Schälchen. Daraufhin begab ich mich in die rechte Entleerungsposition.

„Sie können wohl kein Blut sehen“, sagte sie trocken.

„Keine Ahnung. Das war mir so noch nicht klar“, antwortete ich verwirrt. Noch etwas schwach auf den Beinen ging ich nach draußen. Der Kleene saß noch immer versunken in der Nintendowelt. „Gleich können wir“, nahm ich wie eine alte Frau neben ihm Platz. „Ich muss mal sehen was das jetzt wird. Vielleicht brauche ich ab und zu ne Pause auf dem Weg nach Hause.“

„Ich helf dir“, sagte er fürsorglich. Soll ich pusten.“

„Nee danke. Das wird schon wieder. Ist nur der Kreislauf“, begab ich mich in die Gerade.

Wir trotteten zum Ausgang und durch die Geistertür hindurch. Während ich einige Schritte ging kämpfte der Kleene noch immer mit der Automatik. Er forderte sie regelrecht heraus.

„Komm jetzt. Das ist kein Sportplatz“, schrie ich im Besitz meiner derzeitigen Kräfte.

„Mama, die Geistertür ist einfach cool“, kam er mit großen Augen angerannt.

Sehnsucht Vergangenheit

20140815_202415In Reih und Glied die Stühle aufgestellt. Für die Alten spielt die Kapelle die Lieder. Dazu streichen die Geiger, die Flötisten entlocken sanfte Töne wieder und wieder. In die frische Luft dröhnt die Band samt Orchester erheitert sie, erinnert an alte Zeiten, zupfen sie die Saiten.

Als sie jung waren tobten die Fans über das Parkett, sangen sämtliche Lieder wild und adrett, drehten sich im Kreis, überwanden Herz Schmerz, machten der Wut Luft, schrien laut „du Schuft“, verzog sich der Freund mit einer anderen.

Neben einander sitzend ergraut, erglatzt, doch das Leben schmatzt, lautiert noch immer auf wundersame Weise. Es tut sich auf die Schneise des Wohlgefühls und der Glückseligkeit.

(Keimzeit Klänge erwischten mich am Freitag, als ich an der Kulturbrauerei vorbei spazierte. Ich konnte nicht widerstehen und ging rein.)

Brandenburger und Meckpommes gibt’s nisch

 

Radfahren 2014 006Der Kopenhagen Radweg lockte und so fuhr ich mit den Freundinnen hinaus in die Natur. Wir beschlossen ohne Mitnahme von Nudeltöpfen und Kocher auszukommen, denn einkehren könne man ja bekanntlich überall. Auf der Karte leuchtete wagemutig das Zeichen für Gastronomie in fast jedem Ort.

Der erste Abend ließ uns innehalten. Nach einer Fahrt von fünfzig Kilometern von Oranienburg zum Kleinen Wentower See waren wir überaus glücklich die Zelte auf dem Campingplatz aufzuschlagen. Vor sechs Uhr standen die Plastikbehausungen und wir watschelten gut gelaunt in den Ort. Das Gasthaus fanden wir geschlossen vor. Resigniert kehrten wir zurück und fragten den Zeltplatzwart wo es jetzt noch was gebe.

„Hier gibt’s nichts. Alles zu. Weit und breit nichts zu holen. Wenn sie was kaufen wollen schließ ich ihnen den Laden auf.“

Wir nickten, liefen zielstrebig hinter ihm her. Schnell entschlossen griffen wir zu Chips und Bier. Mit unserem Hab und Gut machten wir es uns auf der Gartenbank unter der großen Linde gemütlich. Vor uns kampierte eine Familie mit drei Kindern. Der Vater kochte, rief zum Abendbrot. Alle kamen, nur Klein Ella wollte nicht. Sie saß noch immer wegen irgendeiner Sache auf der Rutsche und wollte einfach nicht runterkommen. Fast wäre ich aufgesprungen, hätte laut aufgeschrien. „Dann gib mir die verdammten Nudeln. Wenn die Kleene nicht will, dann muss sie ja nisch.“ Ich hielt mich im Zaum und knabberte traumatisiert mit meinen Radfreundinnen an den Chips.

Tag zwei hatte es kulinarisch ebenso in sich. Ängstlich, zugleich gierig nahmen wir das Cafe in Himmelpfort in Besitz. Die Karte zeigte vier Gerichte. Nicht sonderlich viel, aber gut, für jeden war etwas dabei. Nochmals sah ich das Essen notiert mit Kreide auf einer Tafel. Bestellt werden musste bei Mutti an der Theke.

Mutig brachte ich die Worte über die Lippen. „Das Rösti bitte, mit Apfelmuss.“

Die schnittige Antwort kam auch hier in Sekundenschnelle. „Das gibt’s nisch.“

„Ach so. Ja, dann nehme ich die Suppe“, sagte ich schon fast entschuldigend.

Gott sei Dank schien die Sonne und die Begleiterinnen waren vollauf zufrieden mit ihrem Essen und den Getränken. So traten wir uns daraufhin die Beine in den Bauch bis dass der Regen hernieder kam. Der hatte es in sich. Ein richtiger Schauer, der sich zu einem lang anhaltendem Niederprasseln ausweitete. Durchnässt suchten wir uns in Wesenberg eine Bleibe, was ebenso nicht sonderlich einfach war. Mit viel Überredungskunst bekamen wir das Zimmer. Ein glücklicher Moment.

Wie am Abend zuvor wollten wir etwas essen. Es war 20 Uhr. Das Gasthaus und der Imbiss luden zum Schmaus ein. Wir entschieden uns für den Imbiss. Ein sehr fleißiger Imbissbesitzer versorgte die lange Schlange an Menschen. Wartezeit musste eingeplant werden. Ich hörte etwas munkeln, dass es möglicherweise keinen Döner mehr geben würde. Als ich an der Reihe war einigten wir uns auf einen Falafel mit einer Teigummantelung. Siehe da, plötzlich gab es noch ein Brot mit Dönerfleisch für meine hungrige Radfreundin. Nachdem wir nun fast satt waren, verlangte es uns nach einem Eis. Im Imbiss standen zwei Eispappen mit den bunt gedruckten Varianten verschiedener Sorten.

„Wir würden noch ein Eis kaufen“, sagte Britta.

Die Antwort kam prompt. „Gibt’s nisch.“

„Naja wir dachten, wegen den Schildern“, wandte sie höflich ein.

„Nee, die muss ich mal wegräumen. Eis haben wir nisch. Sie können es ja mal im Gasthaus versuchen.“

„Danke ja, machen wir“, drehten wir uns mit geschlossenem Mund um.

Wohlgenährt von einem leckeren Pensionsfrühstück machten wir uns am Tag drei auf den Weg in Richtung Waren. Nachmittags nach einem wunderbaren Bad im See kam der Hunger. Ein Imbiss am Wegesrand pries seine Möglichkeiten an. Selbstbedienung wieder mal. Vor mir bestellte eine Frau Bratkartoffeln mit Spiegelei. Das klang gut, das wollte ich auch haben. Meine Radfreundin stand akkurat hinter mir. Plötzlich aus dem Nichts, schob sie sich vor, drängte mich und mein Hungerbedürfnis zur Seite. Ich moserte, doch sie gab völlig unbeirrt die Bestellung ab. Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Nun war ich an der Reihe. „Einmal Bratkartoffeln mit Spiegelei“, setzte ich die Anweisung.

„Gibt’s nisch“, brummte mir die Mutti in der Küchenschürze entgegen.

„Wieso? Verstehe ich nicht“, entgegnete ich ihr.

„Die Eier sind alle“, zuckte sie mit den Schultern.

„He Leute“, brüllte ich zu den am Tisch sitzenden Freundinnen. „Hier gibt’s nischt. Keine Bratkartoffeln mit Spiegelei.“

Sie lachten sich kaputt, schlugen sich auf die Schenkel.

Ich grinste der Thekenmutti in Gesicht. „Dann nehme ich die Eier kuchen, die gibt’s ja noch oder?

Tag vier überstand ich mit einem ausreichenden Frühstück und einer halben Pizza zum Mittagessen. Danach nahmen ich, Muskelkater geplagt und eine der Freundinnen den Zug nach Berlin. Trotz all der Strapazen waren es vier wundervolle Tage. Hoffentlich nächstes Jahr wieder nur mit genug Essen im Gepäck.

Bald haben auch Tauben Zugang zum Internet

Da ist richtig viel los, da tanzen die Elementarteilchen, die Gedanken streuen sich, bis in die tiefsten Täler, die höchsten Berge. Das Netz agiert und kontrolliert, hat meine Sehnsüchte geweckt und zugedeckt mit Bildern voller Erdbeergelee. Süchtig macht die Anerkennung, das Klicken der vermeintlichen Freunde. Ja, ich weiß die Beute, das bin ich. Jeder Einzelne, zählt der kauft, der die Herren Industriellen und die Aktionäre glücklich macht. Ja, ich weiß, ich weiß um die Datenkralle. Habe kurz drüber nachgedacht, laut gelacht. Die Maus bewegt, den Zeigefinger gedockt, mich sofort eingelockt. Da ist sie die Weite, die Freiheit jubel ich mich taubenartig verdreht in die virtuelle Welt.