Abgetaucht

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Das Wetter war nicht sonderlich schön, es war kalt und es regnete. Sein Weg lag auf meinem. Darum beschloss ich ihm einen Gefallen zu tun. Ich bot ihm eine Mitfahrgelegenheit in den frühen Morgenstunden an. Nach langem Überlegen willigte der Kleene ein. Nachdem ich einige Pulloverwechsel ohne großes Ausrasten überstanden hatte, verließen wir die Wohnung um unseren Tagesverrichtungen nachzugehen.

Er war ruhig, sagte keinen Ton. Bei der nächsten Ampel fragte er mich, ob ich ihn an der üblichen Stelle, etwas weiter weg vom Schuleingang rauslassen könnte. Ich tönte etwas von Möglicherweise. Ich hatte gelernt mich niemals festzulegen.

Wir näherten uns dem Zielort, als er plötzlich die Kapuze über seinen Haarschopf zog und seinen Oberkörper gen Boden neigte. Er tauchte ab. „Was machst du da?“, fragte ich. Ich erhielt keine Antwort. „Du musst dich nicht verstecken, dich sieht keiner durch die Scheiben. Das muss dir nicht peinlich sein, dass ich dich zur Schule bringe“, sagte ich laut. 

Er blieb stumm. Er war noch immer damit beschäftigt seine Position zu halten. Ich zog die Brauen nach oben. Langsam, mit Tempo 30 fuhren wir an dem Schulgebäude vorbei. Die Kindergruppen verdichteten sich. Schulkinder allein, zu zweit oder mit ihren Eltern. Ich bog in die Seitenstraße ein. Es handelte sich um die Parkzeile in der Agent 007 unbehelligt aussteigen konnte. Vorsichtig drehte ich den Autoschlüssel um. Der Motor schnurrte leise ins Aus.

Sind wir da?“ zischte er nach vorn.

Ich nickte. Dann richtete er seinen Körper auf und rotierte den Hals. Er öffnete die Autotür. Stumm setzte er seine neuen Schuhe auf den Asphalt. Sie leuchten Neon. Konnten sie ihm zum Verhängnis werden? Routiniert überquerte er die Straße. Von Weitem wies er mir einen zähnezeigenden Blick zu, der sich sekundenschnell verkühlte.

 

Nachrichten aus vergangenen Zeiten

Ich zog Dougland Coupland aus dem Bücherregal. Eleanor Rigby. Ich konnte mich nicht wirklich an die Story erinnern. Bestimmt war sie gut, denn mit Generation X hatte der Typ einen wahren Volltreffer gelandet. Die Seiten öffneten sich. Das Lesezeichen zeigte mir an, dass ich es nicht mal bis zur Hälfte geschafft hatte, Schmach und Schande über mich. Ein Buch nicht durchzulesen grenzte an eine Kapitulation, an das eigene Unvermögen Inhalte nicht wirklich zu verstehen. So dachte ich damals, heute sehe ich es gelassener.

Mich faszinierte das Lesezeichen, es war ein Teebeutel, ein Husten- und Bronchialtee, der seine Verwendbarkeit bis zum Mai 2008 besaß. Somit handelte es sich um das Jahr 2006 oder 2007 als der Teebeutel in diesem Buch in der Versenkung verschwand. Der Tee, dessen zartes Aroma mir jetzt noch in die Nase zog, zündete meine Fantasie. Was hatte ich damals für ein Leben. Zehn Jahre zurück. Ich war jung, ich war groß und ich war eine von denen die das Kind mit einem Tragetuch durch die Gegend schleppte und Stoffwindeln benutzte. Ja, ich stillte in den Prenzelberg Cafés, ohne dabei eine Gesetzesveränderung anzustreben. Vielleicht gab es damals noch nicht so einseitig denkende Cafébesitzer und wenn ja, dann hätte ich meinen großen Bruder geholt. Peditionen hin oder her, in Berlin kämpft jeder für sein Seelenheil, und das ist auch gut so, oder auch nicht.

Der Teebeutel inspirierte mich ob noch andere Bücher Erinnerungen aufwiesen oder sphärische Zeichen von sich gaben. Ich fand in der Blausäure von Agatha Christie einen wirklich interessantes Stück Papier auf dem handschriftlich von mir festgehalten war. „Endlich können wir Ihnen mitteilen, dass Sie Ihre verlorene Tasche abholen können. Zwei Rentner haben sie bei einem Morgenspaziergang gefunden. Wir haben uns in Ihrem Namen bedankt und ihnen eine kleine Belohnung gegeben.Wenn Sie uns wieder besuchen, sollten Sie ihre Kinder mitbringen, denn auch sie sind jederzeit herzlich willkommen.“ In welchem Zusammenhang ich diese Sätze auf Papier brachte oder ob ich geradewegs einem Serienkillerpaar entkommen bin. Mein Gehirn lässt mich kläglich unwissend zurück. Eins weiß ich ganz genau, die Tasche habe ich niemals abgeholt.

Deutscher Reisepass

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Im letzten Jahr dachte ich, dass ich 2016 möglicherweise verreisen könnte und vielleicht sogar mal etwas weiter weg. Der Gedanke war schön, zu schön, auch wenn die Moneten Mangelware sind. So tat ich den ersten Schritt und organisierte s-e-h-r langfristig einen Termin beim Einwohnermeldeamt Prenzlauer Berg. Als dann mitten in der Weihnachtszeit der Tag gekommen war, wünschte ich mir vom Weihnachtsmann einen neuen Reisepass. Heute habe ich ihn abgeholt.

Bitte schauen Sie rein und bei vollster Zufriedenheit unterschreiben Sie“, sagt der Mann mit dem lässigen Karohemd.

Mutig überprüfe ich die Daten. Das Foto habe ich mit dem linken Augen gesichtet. So in Plastik verpackt, sehe ich nicht mehr sonderlich attraktiv aus. Die Modellzeiten sind vorbei, die naive Jugendlichkeit dahin, übrig bleibt eine fiese Fresse. Nicht, dass ich es so gewollt hätte, nein, es ist Bedingung. Der deutsche Bürger mutiert auf seinem Ausweis zu einem Gefängnisinsassen. Er wird als Gefahrenträger deklariert. Symbolträchtiger kann es wohl kaum sein. Der Überwachungsstaat will uns nicht gut aussehen lassen. Ich lasse mich nicht beirren und denke, gut, so ist es eben, die Zeiten haben sich geändert. Mit einem deutschen Reisepass kann ich heute niemanden mehr beeindrucken außer ein paar ein-reiselustige Terroristen. Ob denen solch ein fieser Blick mit ebenso gespannten Mundwinkeln gelänge, ist fraglich. Außerdem bin ich eine Frau. Bisher habe ich noch nie von verkleideten Terroristen gehört oder Terroristinnen, die sich die Haare blond färben.

Im Großen und Ganzen bin ich trotzdem froh, dass ich nun die einstweilige Besitzerin bin und es hoffentlich auch bleibe. Bisher habe ich keinen deutschen Reisepass aus der Hand gegeben. Sogar die guatemaltekische Verbrecherbande, der ich vor vielen Jahren in die Hände geriet, gab mir diesen anständig zurück. Das Geld behielten sie ein, doch das ehrbare Dokument lag wohl, wie glühende Kohlen in ihren Fingerspitzen. Auch der Junkie aus Granada konnte nicht ungehindert mein zweites Ich stehlen. Nach einer wahnwitzigen Verfolgungsjagd zog er den Kürzeren.

Langsam begreife ich. Der deutsche Reisepass verbreitet keinen Spaß, jedoch ist das papiergebundene Ich ein Schutzwall, eine Rüstung in den unendlichen Weiten der Welt. Der deutsche Reisepass in der Brusttasche hält jede lebensbedrohlich Kugel ab. Erkenntnisreich gehe ich anschließend zur Kinderärztin. Ich verweile im Wartezimmer. Ich bekomme mit, wie ein gutmütiger Prenzelbergvater von seinem fünfjährigen Sohn verprügelt wird. Fast möchte ich dazwischen springen und den 1,90 großen Mann verteidigen. In der Hand habe ich das Dokument der Bundesrepublik Deutschland. Der Mann kommt mir zuvor, in dem er schmerzverzerrt sein Kind aus dem Wartezimmer schiebt.

George Michael im Bäckers Café

Ein Versuch ein Gedicht zu schreiben ging schief. Der Stift bewegte sich verkrampft auf dem Papier, ich sitze hier im Bäckers Café und starre aus dem Fenster. Einen Tisch weiter höre ich die Kinder nach Aufmerksamkeit hecheln. Sie wollen, dass ich zu ihnen rüber gucke, doch den Gefallen tu ich ihnen nicht.

Dann plötzlich im Radio das altbekannte Lied. Der Junge stimmt ein, this Christmas i gave you my heart in höchster Engelsstimme. Ich gebe den Kampf auf und drehe den Kopf verhalten in seine Richtung. Die Augen des zehnjährigen glänzen.

George Michael für jede Generation. Das war mir noch nicht klar. Was für eine Erkenntnis, die ich im Bäckers Café erleuchtend sah.

Wer will denn schon ein Schaf als Haustier haben?

Ich habe ein Haustier, ein Schaf, und das macht Mäh, ich muss es durch die Häuser ziehen und es sagt Mäh, es will Gras, nur mehr Gras. Ich sag No, No, No, aber das Schaf wackelt mit dem Po. Ja, ja, ich find’s sowas von krass, das Schaf ist komisch, aber ich mag es trotzdem.

Mein Freund hat einen Löwen als Haustier, aber mein Schaf mag ich trotzdem. Der Löwe ist im Knast, weil er ein Auto gefahren hat. Jetzt sitzt der Löwe im Gefängnis und mein Schaf das ist so nett. Es streckt mir manchmal die Zunge raus und hat es schon mal bei einem Polizisten gemacht, aber weil‘ s noch Null war, hat`s keinen Ärger gekriegt.

Bei Silvester ist mein Schaf voll verrückt, es hängt sich an ne Rakete ran und die Rakete steigt hoch und mein Schaf dabei und dann fällt es vom Himmel runter. Ich sehe es gar nicht mehr, dann landet es auf meinem Kopf. Das ist gar nicht schön, ja ein Schaf. Wer will denn schon ein Schaf als Haustier haben? Na ich, nur ich, ich will ein Schaf!

(Der Kleene hat gedichtet, für alle einen wunderschönen Schafsostergruß)

100 Jahre

Heute ist es soweit, du hast Geburtstag. Deine Haut ist fahl, die falschen Zähne klappern milde. Du kommst nicht hoch aus dem Stuhl, die Beine sind schwer. Tabletten nimmst du, um die Organe in Schwung zu halten. Sie sind die Schmiere die die Glieder schalten und walten.So viel hast du gesehen, so vieles erlebt, die Bomben haben dein Haus gesprengt, so hast du`s mir erzählt. Bist in den Keller gegangen mit deinem Kind, hast angsterfüllt gewartet bis die Krieger die gefährliche Fracht abgeworfen. Du hast es überstanden, überlebt, am liebsten hättest du den Hitler von eigener Hand umgelegt. Du hast die Kinder großgezogen, Enkel kamen in dein Haus und nun schaust du zum Fenster raus. Erfreust dich am Flügelschlag der Vögel, die tagein, tagaus von den Ästen springen, dir den Frühling singen.

Innsbrucker Platz

Am Innsbrucker Platz leuchten die Birnen, nichts ist geschönt, die Moral ist tot, in den Bars regieren die Dirnen. Sie zeigen die strammen Beine, laut reguliert an der Leine, denn der Besitzer ist ein Kettennarr.

Sie machen den Herren aus München und Bamberg schöne Augen, die können es kaum glauben und fühlen sich auf ihre alten Tage richtig attraktiv. Sie tänzeln, heben die Kniescheiben, straffen die Münder, kannst du nicht bleiben, fragen sie.

Kannst du nicht großzügig die Scheine an den Büstenhalter klemmen, flüstern sie dem Oberverwalter der Gerichtsbarkeit verrucht in die Ohren, du musst, sonst hast du hier nichts verloren, nicken sie freundlich hinzu.

Ganz bei der Sache richtet sich die Männlichkeit auf, enthemmt, lustvoll gehen sie drauf los. Schnell vorbei der Spaß, ein Blick in den Terminkalender und Herren eilen davon. Winken verträumt, gestählt, wieder ganz Mann, Innsbrucker Platz denken sie, irgendwann…

Winter is missing

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Looking at you, dancing on ice, like a queen, isn`t it nice? I ask gently grabbing your hand, please take me to a hot sand.

Walking in a snowy world, feeling like a frozen bird. Walking in a snowy world, feeling like a frozen bird.

We are naked crawling on the beach, turning our bodies right to each other, climb we up, drink out of this cup of love.

Walking in a snowy world, feeling like a frozen bird. Walking in a snowy world, feeling like a frozen bird.

You put a snowball at my neck, hey you bloody, i just check, he said charmly with big grin, sweety it won`t take long until we sing that wonderful song.

Walking in a snowy world, feeling like a frozen bird. Walking in a snowy world, feeling like a frozen bird.

 

Ein Improvisationsgesangsworkshop hat mich inspiriert. Ich suche einen oder eine Klavierspielerin mit der ich Lieder selbst geschrieben oder schon bestehendes Liedgut a la chanson bzw. Brecht und Weil style zusammen erklingen lassen kann. Bitte melde dich bei mir!

 

 

 

 

 

 

 

Je suis Charlie

Läufe zielen auf die Humoristen, Islamisten schimpfen sie sich. Radikale die auf die Meinungsfreiheit einen lassen, besser der Griff zu den Waffen.

Minderwertigkeiten, in Armut, aufgewachsen, zum Menschen gereift mit mehr oder weniger Verstand im sogenannten Einwanderungsland. Gründe viele, nichts entschuldigt das Morden der blutrünstigen Horden.

Was bleibt ist der Schmerz, der Mütter und Väter, der Freunde, Brüder und Schwestern, der Blick auf das Gestern als die Leichen den Weg pflasterten.

Im Blutrausch ward und wird gemordet, im Blutrausch für eine Illusion, das Töten für den Propheten, für die seltsame Vision, einer verzerrten Gerechtigkeit.

 

Ich positioniere mich gegen jegliche Form der geistigen Intoleranz und der Beschränkung der Freiheit.