Nachrichten aus vergangenen Zeiten

Ich zog Dougland Coupland aus dem Bücherregal. Eleanor Rigby. Ich konnte mich nicht wirklich an die Story erinnern. Bestimmt war sie gut, denn mit Generation X hatte der Typ einen wahren Volltreffer gelandet. Die Seiten öffneten sich. Das Lesezeichen zeigte mir an, dass ich es nicht mal bis zur Hälfte geschafft hatte, Schmach und Schande über mich. Ein Buch nicht durchzulesen grenzte an eine Kapitulation, an das eigene Unvermögen Inhalte nicht wirklich zu verstehen. So dachte ich damals, heute sehe ich es gelassener.

Mich faszinierte das Lesezeichen, es war ein Teebeutel, ein Husten- und Bronchialtee, der seine Verwendbarkeit bis zum Mai 2008 besaß. Somit handelte es sich um das Jahr 2006 oder 2007 als der Teebeutel in diesem Buch in der Versenkung verschwand. Der Tee, dessen zartes Aroma mir jetzt noch in die Nase zog, zündete meine Fantasie. Was hatte ich damals für ein Leben. Zehn Jahre zurück. Ich war jung, ich war groß und ich war eine von denen die das Kind mit einem Tragetuch durch die Gegend schleppte und Stoffwindeln benutzte. Ja, ich stillte in den Prenzelberg Cafés, ohne dabei eine Gesetzesveränderung anzustreben. Vielleicht gab es damals noch nicht so einseitig denkende Cafébesitzer und wenn ja, dann hätte ich meinen großen Bruder geholt. Peditionen hin oder her, in Berlin kämpft jeder für sein Seelenheil, und das ist auch gut so, oder auch nicht.

Der Teebeutel inspirierte mich ob noch andere Bücher Erinnerungen aufwiesen oder sphärische Zeichen von sich gaben. Ich fand in der Blausäure von Agatha Christie einen wirklich interessantes Stück Papier auf dem handschriftlich von mir festgehalten war. „Endlich können wir Ihnen mitteilen, dass Sie Ihre verlorene Tasche abholen können. Zwei Rentner haben sie bei einem Morgenspaziergang gefunden. Wir haben uns in Ihrem Namen bedankt und ihnen eine kleine Belohnung gegeben.Wenn Sie uns wieder besuchen, sollten Sie ihre Kinder mitbringen, denn auch sie sind jederzeit herzlich willkommen.“ In welchem Zusammenhang ich diese Sätze auf Papier brachte oder ob ich geradewegs einem Serienkillerpaar entkommen bin. Mein Gehirn lässt mich kläglich unwissend zurück. Eins weiß ich ganz genau, die Tasche habe ich niemals abgeholt.

Deutscher Reisepass

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Im letzten Jahr dachte ich, dass ich 2016 möglicherweise verreisen könnte und vielleicht sogar mal etwas weiter weg. Der Gedanke war schön, zu schön, auch wenn die Moneten Mangelware sind. So tat ich den ersten Schritt und organisierte s-e-h-r langfristig einen Termin beim Einwohnermeldeamt Prenzlauer Berg. Als dann mitten in der Weihnachtszeit der Tag gekommen war, wünschte ich mir vom Weihnachtsmann einen neuen Reisepass. Heute habe ich ihn abgeholt.

Bitte schauen Sie rein und bei vollster Zufriedenheit unterschreiben Sie“, sagt der Mann mit dem lässigen Karohemd.

Mutig überprüfe ich die Daten. Das Foto habe ich mit dem linken Augen gesichtet. So in Plastik verpackt, sehe ich nicht mehr sonderlich attraktiv aus. Die Modellzeiten sind vorbei, die naive Jugendlichkeit dahin, übrig bleibt eine fiese Fresse. Nicht, dass ich es so gewollt hätte, nein, es ist Bedingung. Der deutsche Bürger mutiert auf seinem Ausweis zu einem Gefängnisinsassen. Er wird als Gefahrenträger deklariert. Symbolträchtiger kann es wohl kaum sein. Der Überwachungsstaat will uns nicht gut aussehen lassen. Ich lasse mich nicht beirren und denke, gut, so ist es eben, die Zeiten haben sich geändert. Mit einem deutschen Reisepass kann ich heute niemanden mehr beeindrucken außer ein paar ein-reiselustige Terroristen. Ob denen solch ein fieser Blick mit ebenso gespannten Mundwinkeln gelänge, ist fraglich. Außerdem bin ich eine Frau. Bisher habe ich noch nie von verkleideten Terroristen gehört oder Terroristinnen, die sich die Haare blond färben.

Im Großen und Ganzen bin ich trotzdem froh, dass ich nun die einstweilige Besitzerin bin und es hoffentlich auch bleibe. Bisher habe ich keinen deutschen Reisepass aus der Hand gegeben. Sogar die guatemaltekische Verbrecherbande, der ich vor vielen Jahren in die Hände geriet, gab mir diesen anständig zurück. Das Geld behielten sie ein, doch das ehrbare Dokument lag wohl, wie glühende Kohlen in ihren Fingerspitzen. Auch der Junkie aus Granada konnte nicht ungehindert mein zweites Ich stehlen. Nach einer wahnwitzigen Verfolgungsjagd zog er den Kürzeren.

Langsam begreife ich. Der deutsche Reisepass verbreitet keinen Spaß, jedoch ist das papiergebundene Ich ein Schutzwall, eine Rüstung in den unendlichen Weiten der Welt. Der deutsche Reisepass in der Brusttasche hält jede lebensbedrohlich Kugel ab. Erkenntnisreich gehe ich anschließend zur Kinderärztin. Ich verweile im Wartezimmer. Ich bekomme mit, wie ein gutmütiger Prenzelbergvater von seinem fünfjährigen Sohn verprügelt wird. Fast möchte ich dazwischen springen und den 1,90 großen Mann verteidigen. In der Hand habe ich das Dokument der Bundesrepublik Deutschland. Der Mann kommt mir zuvor, in dem er schmerzverzerrt sein Kind aus dem Wartezimmer schiebt.