Gespräche mit dem Kleenen

Geistertür ja, aber bitte kein Blut!

Der Finger schmerzte. Hinzu kamen Horrorgeschichten von einer drohenden Blutvergiftung. Das Internet bescheinigte mir eine Fingernagelbettinfektion. Also beschloss ich zusammen mit dem Kleenen an einem schönem Samstag Nachmittag zum Klinikum Prenzlauer Berg zu flanieren

Der Spaziergang bestand aus einer Mischung von Langeweile und Fragerei. Wo ist das? Wann sind wir da und du hättest mich auch zu Hause allein lassen können, formatierte sich die Konversation.

„Was weiß ich denn was du dann anstellst.“

„Ich lade all meine Freunde ein und dann machen wir ne Party.“

„Ha, ha“, zog ich die Brauen nach oben.

Nach einer langsamen Schrittfolge tat sich vor uns der altehrwürdige Ziegelbau auf. „Da sind wir“, diagnostizierte ich den Zielpunkt.

Der Kleene war wahrlich begeistert von der Automatiktür. „Mama, das ist ja wie in einem Geisterhaus“, schaute er beeindruckt hinter sich.

„Ja, genau“, antwortete ich abwesend. Langsam kroch die Angst vor Ärzten und Bakterien in mir hoch.

„Echt toll“, zischte er.

„Was das Krankenhaus?“, erwiderte ich entsetzt.

„Na die Tür. Die geht von allein auf und zu.“

„Das du so was gut finden kannst. Hier entlang…!“, setzte ich die Anweisung und folgte dem Schild mit der Aufschrift Notaufnahme.

Nach der Anmeldung nahmen wir Platz. Die Glotze lief. Neben uns saß ein Mann mit kaputtem Gips. Aufrecht hielt er den Arm. Zur anderen Seite befand sich ein Pärchen. Sie kicherten unablässig über die Szenen im Fernsehen.

Der Kleene wandte sich dem Nintendo zu.

Es wurde immer lustiger. Die Kinder der Serie bekriegten sich nur wegen einer lapidaren Baseballkarte. Ich war vollkommen abgelenkt, dachte keineswegs mehr an die aufkommenden Schmerzen. Ich lachte mich ebenso kaputt bis das die Werbung die gute Laune ruinierte. Bei der Fußpflege schaute der Kleene auf.

„Das ist total doof. Warum wollen die Menschen weiche Füße. Die Füße müssen hart sein“, erregte er sich.

„Natürlich, die Füße müssen dich tragen. So ein bisschen Hornhaut schadet da nicht. Die Leute wollen heutzutage wie Babys aussehen. Schöne weiche Haut und bloß nicht alt und runzlig werden“, erklärte ich ihm das gängige Schönheitsideal.

„Komisch“, legte er den Denkerblick auf. „Man sieht doch echt toll aus, wenn man alt ist.“

„Na ja geht so. Du denkst bestimmt an die Ninja Meister mit den langen weißen Bärten. Klar die sehen super aus, aber die anderen? Es ist und bleibt eine Frage der Wertung.“

„Wie meinst du das denn?“

Plötzlich hörte ich meinen Namen. Die schöne Zeit war vorbei. „Du bleibst hier. Okay, wartest schön auf mich. Du hast ja deine Spielsachen!“, sagte ich in ruhigem Ton.

Er blieb vollkommen gelassen. Entweder vertraute er auf die Konsole oder auf meine Überlebenskraft.

Die Ärztin war der Meinung, dass die Betäubung das Schlimmste war. Angstumantelt ließ ich die Spritze zu. Danach räckelte ich mich ungefähr zwanzig Minuten auf der Liege und langweilte mich zu Tode. Ich spitzte die Ohren nach Klagetönen des Kleenen. Nichts zu hören. Sicherlich amüsierte er sich prächtig.

Dann verfrachtete mich die Schwester in den gefliesten Raum nebenan. OP Liege trotz einer relativ lokalen Behandlung. Mir sollte es recht sein. Endlich mal im OP. Warum nicht. Die Ärztin kam behandschuht und mit Kopfhaube. Wieder machte sie ihre Sache sehr ordentlich. Dann ließ sie mich mit den Worten die Schwester übernimmt gleich den Verband, allein.

Okay, dachte ich. So schlimm kann’s ja nicht sein und richtete die Augen auf die Hand. Da sah ich den blutdurchtränkten Mull. Nicht gerade das schönste Bild.

Ich drehte den Kopf zurück. Plötzlich schaltete sich das Denken aus und der Schwindel überzog mich mit einer klanglosen Virtuosität.

„Mir geht’s nicht gut. Können sie mir bitte irgendwas geben“, sah ich mich schon am Tropf gefesselt. „Oder besser bleiben sie hier, ich glaube ich kipp gleich weg“, wurde mir heiß und kalt. „Irgendwie ist mir schlecht“, erwähnte ich die aufkommende Übelkeit.

Schnell reichte mir die Schwester ein Schälchen. Daraufhin begab ich mich in die rechte Entleerungsposition.

„Sie können wohl kein Blut sehen“, sagte sie trocken.

„Keine Ahnung. Das war mir so noch nicht klar“, antwortete ich verwirrt. Noch etwas schwach auf den Beinen ging ich nach draußen. Der Kleene saß noch immer versunken in der Nintendowelt. „Gleich können wir“, nahm ich wie eine alte Frau neben ihm Platz. „Ich muss mal sehen was das jetzt wird. Vielleicht brauche ich ab und zu ne Pause auf dem Weg nach Hause.“

„Ich helf dir“, sagte er fürsorglich. Soll ich pusten.“

„Nee danke. Das wird schon wieder. Ist nur der Kreislauf“, begab ich mich in die Gerade.

Wir trotteten zum Ausgang und durch die Geistertür hindurch. Während ich einige Schritte ging kämpfte der Kleene noch immer mit der Automatik. Er forderte sie regelrecht heraus.

„Komm jetzt. Das ist kein Sportplatz“, schrie ich im Besitz meiner derzeitigen Kräfte.

„Mama, die Geistertür ist einfach cool“, kam er mit großen Augen angerannt.