Abgetaucht

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Das Wetter war nicht sonderlich schön, es war kalt und es regnete. Sein Weg lag auf meinem. Darum beschloss ich ihm einen Gefallen zu tun. Ich bot ihm eine Mitfahrgelegenheit in den frühen Morgenstunden an. Nach langem Überlegen willigte der Kleene ein. Nachdem ich einige Pulloverwechsel ohne großes Ausrasten überstanden hatte, verließen wir die Wohnung um unseren Tagesverrichtungen nachzugehen.

Er war ruhig, sagte keinen Ton. Bei der nächsten Ampel fragte er mich, ob ich ihn an der üblichen Stelle, etwas weiter weg vom Schuleingang rauslassen könnte. Ich tönte etwas von Möglicherweise. Ich hatte gelernt mich niemals festzulegen.

Wir näherten uns dem Zielort, als er plötzlich die Kapuze über seinen Haarschopf zog und seinen Oberkörper gen Boden neigte. Er tauchte ab. „Was machst du da?“, fragte ich. Ich erhielt keine Antwort. „Du musst dich nicht verstecken, dich sieht keiner durch die Scheiben. Das muss dir nicht peinlich sein, dass ich dich zur Schule bringe“, sagte ich laut. 

Er blieb stumm. Er war noch immer damit beschäftigt seine Position zu halten. Ich zog die Brauen nach oben. Langsam, mit Tempo 30 fuhren wir an dem Schulgebäude vorbei. Die Kindergruppen verdichteten sich. Schulkinder allein, zu zweit oder mit ihren Eltern. Ich bog in die Seitenstraße ein. Es handelte sich um die Parkzeile in der Agent 007 unbehelligt aussteigen konnte. Vorsichtig drehte ich den Autoschlüssel um. Der Motor schnurrte leise ins Aus.

Sind wir da?“ zischte er nach vorn.

Ich nickte. Dann richtete er seinen Körper auf und rotierte den Hals. Er öffnete die Autotür. Stumm setzte er seine neuen Schuhe auf den Asphalt. Sie leuchten Neon. Konnten sie ihm zum Verhängnis werden? Routiniert überquerte er die Straße. Von Weitem wies er mir einen zähnezeigenden Blick zu, der sich sekundenschnell verkühlte.

 

Nachrichten aus vergangenen Zeiten

Ich zog Dougland Coupland aus dem Bücherregal. Eleanor Rigby. Ich konnte mich nicht wirklich an die Story erinnern. Bestimmt war sie gut, denn mit Generation X hatte der Typ einen wahren Volltreffer gelandet. Die Seiten öffneten sich. Das Lesezeichen zeigte mir an, dass ich es nicht mal bis zur Hälfte geschafft hatte, Schmach und Schande über mich. Ein Buch nicht durchzulesen grenzte an eine Kapitulation, an das eigene Unvermögen Inhalte nicht wirklich zu verstehen. So dachte ich damals, heute sehe ich es gelassener.

Mich faszinierte das Lesezeichen, es war ein Teebeutel, ein Husten- und Bronchialtee, der seine Verwendbarkeit bis zum Mai 2008 besaß. Somit handelte es sich um das Jahr 2006 oder 2007 als der Teebeutel in diesem Buch in der Versenkung verschwand. Der Tee, dessen zartes Aroma mir jetzt noch in die Nase zog, zündete meine Fantasie. Was hatte ich damals für ein Leben. Zehn Jahre zurück. Ich war jung, ich war groß und ich war eine von denen die das Kind mit einem Tragetuch durch die Gegend schleppte und Stoffwindeln benutzte. Ja, ich stillte in den Prenzelberg Cafés, ohne dabei eine Gesetzesveränderung anzustreben. Vielleicht gab es damals noch nicht so einseitig denkende Cafébesitzer und wenn ja, dann hätte ich meinen großen Bruder geholt. Peditionen hin oder her, in Berlin kämpft jeder für sein Seelenheil, und das ist auch gut so, oder auch nicht.

Der Teebeutel inspirierte mich ob noch andere Bücher Erinnerungen aufwiesen oder sphärische Zeichen von sich gaben. Ich fand in der Blausäure von Agatha Christie einen wirklich interessantes Stück Papier auf dem handschriftlich von mir festgehalten war. „Endlich können wir Ihnen mitteilen, dass Sie Ihre verlorene Tasche abholen können. Zwei Rentner haben sie bei einem Morgenspaziergang gefunden. Wir haben uns in Ihrem Namen bedankt und ihnen eine kleine Belohnung gegeben.Wenn Sie uns wieder besuchen, sollten Sie ihre Kinder mitbringen, denn auch sie sind jederzeit herzlich willkommen.“ In welchem Zusammenhang ich diese Sätze auf Papier brachte oder ob ich geradewegs einem Serienkillerpaar entkommen bin. Mein Gehirn lässt mich kläglich unwissend zurück. Eins weiß ich ganz genau, die Tasche habe ich niemals abgeholt.

American Western Saloon

019

Klischees organisieren sich, gefasst an einem Ort. BHs, Whiskey Flaschen, Elche, Pferde, Sättel, Kentucky Aufschriften ranken von den Wänden.

Cowboys jodeln mit den Händen, spitzen die Hacke, drehen die Bäuche, tanzen die Line, tippeln und trappeln auf die unmännlichste Art fein.

Western Saloon, eingepfercht, zwischen den Häuser Fronten. Ein Kleinod bemühst du den Geist der Helden, der Westernfiguren, die schon längst sind verloren in den Weiten der TV Bildschirme.

Gespräche mit dem Kleenen/ Hammerboy

Der Kleene, Maria und ich verbrachten den Herbsturlaub auf dem Land. Wir wurden von der Hausbesitzerin als Familie begrüßt. Ich lehnte vehement ab. Maria und ich hatten keinen Trauschein. Nein wir waren in keinster Weise zusammen. Wir hatten nur irgendwann beschlossen Freunde zu sein. Nicht das ich Frauen für uninteressant befand. Ganz im Gegenteil, doch der sexuelle Reiz erschloss sich mir offen gesagt noch nie. Für mich galten Männer noch immer als mein absolutes Zielobjekt. Den Hahn gezogen und abgeschossen…

Eines späten Nachmittags einigten wir uns auf einen losen Spaziergang. Der Kleene tat sich schwer mit der frischen Luft, denn er war schon mit Harry Potter zusammen in der zweiten Klasse gelandet. Er wollte unbedingt in die Kammer des Schreckens, nur dass es bis zu diesem Ungemach noch einige echte Abenteuer zu erleben galt.

„Ich will nicht“, schimpfte er.

„Du musst!“, sagte ich.

„Du kannst mir nichts befehlen. Ich habe Rechte, Kinderrechte.“

„Das ist alles Quatsch. Die gibt es nicht. Überhaupt nur weil die auf Kika immer laut grölende Gören bringen, die irgendetwas von freier Meinung quatschen, heißt das noch lange nicht das du machen kannst was du willst. Außerdem tut die Frischluft den Menschen gut und dir bestimmt auch“, schubste ich ihn zur Haustür hinaus.

„Wenn’s sein muss“, knurrte er unanständig.

Wir liefen die Straße hinunter, vorbei an Wiesen und Pferden, deren Köpfe neugierig über den Elektrozaun lugten. Wir passierten die Kirche mit dem anliegenden Friedhof. Plötzlich kam ein kleiner Junge auf einem Plastiktraktor mit Anhänger die Seitenstraße herunter geknattert. Er trat kräftig in die Pedalen, passierte und schaute interessiert an uns hoch. Dann fragte er mich wie der Kleene hieß.

Ich wies ihn daraufhin, dass ich keine Übersetzerin wäre und er gefälligst selbst fragen könne. Er leistete dem augenblicklich Folge. So entspann sich ein Gespräch mit langen Pausen zwischen dem Kleenen und dem noch Kleeneren.

Das Dorf hatte drei Straßen. So kehrten wir alsbald an seinem Haus vorbei. Dort stieg er von dem Gefährt ab, rannte in den Garten und kam mit einem Eisenhammer zurück. Damit klopfte er auf den Rasen. Dann folgte der Straßenbeton und die Hauswand. Die Eltern zeigten sich nicht. Kein Mensch weit und breit zu sehen, der ein Auge auf den Jungen hatte.

Ein richtiges Dorfkind, nickten Maria und ich uns zu.

Inzwischen war es stockdunkel. Der fünfjährige wollte unbedingt mit uns weiterziehen. Ich dachte an die tausend Gefahren, die da draußen lauerten, doch das Kind ließ sich nicht vom Weg abbringen. Er schwenkte den Hammer…

Gut, wenn es denn unbedingt sein muss, aber Vorsicht hob ich den Zeigefinger.

Sogar der Kleene zeigte Respekt und ging einige Meter hinter ihm.

Fortwährend knallte er das Werkzeug gegen jegliche Zäune, Bretter, und Baumstämme.

Ich räusperte mich.

In dem Fall tat das Kind als gehöre es nicht zu uns. Plötzlich drehte er auf die Wiese ab. Laut schrie er mit heller Stimme, dass wir warten sollten. Er müsste pinkeln.

Sonst gibt`s was mit dem Hammer, flüsterte ich.

Nach der Pinkelpause erreichten wir nach vielen kleinen Schritten unsere Unterkunft. Der Junge mit dem Hammer wollte mit rein.

„Nein, nein, hob ich die Hände vor die Brust. Hier der Kleene…“, schubste ich ihm die Schuld in die Schuhe. „Der muss noch Schule machen. Mathe lernen. Er schreibt bald ne Arbeit.

Ach morgen ist doch das große Feuer. Kommst du auch hin?“, hakte Maria ein.

Ich hoffte insgeheim auf eine Antwort wie ich bin zu klein dafür oder meine Eltern lassen mich nicht.

„Ich komme“, schnurrte er in die Nacht.

„Und verkleidest du dich?“, fragte sie ihn.

„Ein Spidermankostüm ziehe ich an.“

„Oh toll, dann sehen wir uns ja morgen. „Sollen wir dich noch nach Hause bringen? Findest du den Weg überhaupt?“, hörte ich sie sagen.

Das Hammerkind schwieg, drehte sich hammerschwingend in Richtung der Straße.

Auf wiedersehen winkten wir alle hinter her.

Im Schutze unserer kleinen Ferienwohnung feuerten wir den Kaminofen an. Das Holz loderte gemütlich und wir saßen auf den Stühlen davor.

„Irgendwie seltsam das Kind“, sagte ich.

„Warum der überhaupt so einen Hammer mit nimmt“, gab der Kleene zu bedenken.

„Hammerboy“, raunte Maria.

„Der gefährliche Hammerboy“, stimmte der Kleene in Vorfreude auf Halloween mit ein.

„Des Nachts kommt er zur Tür mit seinem Hammer herein und dann ist es um uns geschehen…“, senkte Maria ihre Stimme.

„Und die Tür ist verdammt noch nicht mal abgeschlossen“, presste ich die Lippen aufeinander. Wir besaßen wirklich keinen einzigen Schlüssel. Die Vermieterin war sich ja vollkommen sicher, dass im Dorf nicht eingebrochen wurde, nur an Hammerboy hatte sie nicht gedacht.

„Mama, du kannst ja einen Stuhl vor die Tür stellen“, griff sich der Kleene das Nintendo.

„Super Idee. Das mache ich. Dann höre ich wenigstens wenn er tief in der Nacht kommt….“

Am nächsten Abend trafen wir Hammerboy am großen Feuer. Wir erkannten ihn zuerst nicht, da er ein Skelettkostüm trug und nur einige Grunzlaute von sich gab. Als wir nach einiger Zeit feststellten, dass er es war, freuten wir uns riesig. Leider kam es zu keiner weiteren Kontaktaufnahme da die Eltern diesmal nah bei ihm standen. Auch war er in gewisser Weise uninteressant für uns geworden. Jetzt hielt er nur noch einen lapidaren Plastiklaternenstab in der Hand, welcher unsere Phantasie keinerlei beflügelte.

Gespräche mit dem Kleenen/ Berufsstände

Der dritte Geburtstag eines Freundes in diesem Monat. So viele Kumpels wie er hatte, würde er zum Partyking werden. Die soziale Ader hatte er keinesfalls von mir. Trotzdem, ich hieß das Partygemenge gut. Der Kleene sollte seinen Spaß haben, auch wenn die Finanzierung der Geschenke meine Wenigkeit traf.

Die Eltern des Geburtstagskindes boten auf. Ein buntes Klettern mit all den Gören war anberaumt. Pünktlich um sieben Uhr Abends sollten die Feierwütigen abgeholt werden.

Ein gut aussehender Mann öffnete die Tür. Sicherlich gehörte er nicht zu der modernen Väterschaft, redete ich mir ein. Er lächelte freundlich, redete jedoch nicht. Sprach er kein Deutsch? Sollte ich ihn mit einer Mischung aus spanisch und englischen Floskeln die Kindererziehung näher erläutern?

Der Kleene zischte vorüber, mit ihm zwei andere Kinder. „Halt“, setzte ich den Befehl.

„Oh nein, noch nicht“, verfiel er plötzlich in ein lautes Jammern, als er mich erblickte.

„Doch, Kindergeburtstag ist vorbei“, nickte ich.

„Ich will aber noch nicht gehen.“

Gerade wollte ich ansetzen, zu wenn es am Schönsten ist…, als die Geburtstagsmutter vorbei schneite. „Wir haben noch gar nicht gegessen. Wenn du willst kannst du hier bleiben“, säuselte sie mit zarter Stimme.

„Ja, also warum nicht“, glaubte ich mich in freudiger Erwartung auf Gurken und ein Glas Wein. Ich trat einige Schritte in den langen Flur. Dann suchte ich den Kleenen auf und verkündigte ihm die frohe Botschaft.

„Ich will nicht, dass du hier bist“, zog er die Nasenflügel zusammen.

„Warum den nicht und überhaupt rede nicht in so einem Ton mit mir“, versuchte ich die mütterliche Autorität zu retten.

„Ich will es nicht“, verflüchtigte er sich in das Kinderzimmer.

Die Einsicht währte. Sicherlich hätte ich es damals auch nicht sonderlich großartig geheißen, wäre meine Mutter in die leerstehenden Häusern eingedrungen, hätte ausgeschenkt und eine Tüte nach der anderen geraucht. Nein, ich glaube, dass wäre nichts mir für mich gewesen. Die Rebellion beanspruchte ich ganz für mich allein. „Hör zu“, zupfte ich ihn am T-Shirt. „Ich gehe noch mal ne Runde um den Block. Ich hole dich in einer halben Stunde ab.“

Ungehört vertiefte er sich in das dämliche Legospiel. Ich verschwand nach unten, lief durch die Straßen vom Prenzlauer Berg, schoss Bilder von abendsonne beworfenen Fassaden und kehrte lässig zum Ort des Geschehens zurück.

Die Geburtstagsmutter öffnete wiederholt die Tür. Der lächelnde Mann von vorhin war verschwunden.

„Na, wie war die Party“, setzte ich das Gute-Laune-Gesicht auf.

„Musst du deinen Sohn fragen“, antwortete sie mit näselnder Stimme.

Aha, dachte ich. In Fragen der Kommunikation war sie wohl nicht sonderlich geübt. Sicherlich gehörte sie zu den Selbständigkeitsmüttern die keinerlei Auskunft erteilten.

Nichts desto trotz kam der Kleene angetrottet.

„Los auf geht’s“, begrüßte ich ihn.

„Hallo Mama“, zog er sich die Schuhe an. Die Wangen leuchteten verdächtig rot.

„Bist du krank oder was ist los?“

„Nee wir haben nur Fußball gespielt“, antwortete er müde.

Während wir die Treppen nach unten polterten grinste er vor sich hin. „Antons Freunde sind verrückt. Der eine hat sich immer wieder aufgeregt und geheult. Der andere würde ich sagen, war einfach komisch.“

„Also, du meinst, dass man die Augenbrauen hochzieht und sich gehaltvoll räuspert?“

„Na ja, also komisch, also so, dass er später bestimmt mal in den Knast kommt.“

„Was in den Knast?“, rief ich aus.

„Oder vielleicht auch nicht, vielleicht wird er ein normaler Bürger oder ein Polizist“, wiegelte er ab.

„So ist das im Leben, ist alles nah beieinander, einer der für die Gerechtigkeit einsteht und einer der ein Dieb ist“, zog ich ihn an der Hand über den Fußweg.

„Ein Polizist der klaut?“

„Nicht ganz, ein zu komplexes Thema“, summte ich in die Dunkelheit. Mein Gehirn bildete Tütchen ab, an denen sich die Herren der Sicherheit vergriffen. Ich hatte nicht vor das gesamte Weltbild des Kleenen, die nahestehende Einteilung in Gut und Böse zu ruinieren, also schwenkte ich um.

„Los, komm, beeil dich ein bisschen. Du musst gleich ins Bett. Morgen ist wieder Schule.“

„Was, ich will noch Fernsehen gucken?“, erregte er sich.

„Nee, Fernsehen gibt es nicht. Du warst eindeutig zu lang auf der Party“, diskutierten wir uns beide in Rage bis wir endlich vor der heimeligen Tür der Prenzlauer Berg Wohnung standen.

Gespräche mit dem Kleenen

Geistertür ja, aber bitte kein Blut!

Der Finger schmerzte. Hinzu kamen Horrorgeschichten von einer drohenden Blutvergiftung. Das Internet bescheinigte mir eine Fingernagelbettinfektion. Also beschloss ich zusammen mit dem Kleenen an einem schönem Samstag Nachmittag zum Klinikum Prenzlauer Berg zu flanieren

Der Spaziergang bestand aus einer Mischung von Langeweile und Fragerei. Wo ist das? Wann sind wir da und du hättest mich auch zu Hause allein lassen können, formatierte sich die Konversation.

„Was weiß ich denn was du dann anstellst.“

„Ich lade all meine Freunde ein und dann machen wir ne Party.“

„Ha, ha“, zog ich die Brauen nach oben.

Nach einer langsamen Schrittfolge tat sich vor uns der altehrwürdige Ziegelbau auf. „Da sind wir“, diagnostizierte ich den Zielpunkt.

Der Kleene war wahrlich begeistert von der Automatiktür. „Mama, das ist ja wie in einem Geisterhaus“, schaute er beeindruckt hinter sich.

„Ja, genau“, antwortete ich abwesend. Langsam kroch die Angst vor Ärzten und Bakterien in mir hoch.

„Echt toll“, zischte er.

„Was das Krankenhaus?“, erwiderte ich entsetzt.

„Na die Tür. Die geht von allein auf und zu.“

„Das du so was gut finden kannst. Hier entlang…!“, setzte ich die Anweisung und folgte dem Schild mit der Aufschrift Notaufnahme.

Nach der Anmeldung nahmen wir Platz. Die Glotze lief. Neben uns saß ein Mann mit kaputtem Gips. Aufrecht hielt er den Arm. Zur anderen Seite befand sich ein Pärchen. Sie kicherten unablässig über die Szenen im Fernsehen.

Der Kleene wandte sich dem Nintendo zu.

Es wurde immer lustiger. Die Kinder der Serie bekriegten sich nur wegen einer lapidaren Baseballkarte. Ich war vollkommen abgelenkt, dachte keineswegs mehr an die aufkommenden Schmerzen. Ich lachte mich ebenso kaputt bis das die Werbung die gute Laune ruinierte. Bei der Fußpflege schaute der Kleene auf.

„Das ist total doof. Warum wollen die Menschen weiche Füße. Die Füße müssen hart sein“, erregte er sich.

„Natürlich, die Füße müssen dich tragen. So ein bisschen Hornhaut schadet da nicht. Die Leute wollen heutzutage wie Babys aussehen. Schöne weiche Haut und bloß nicht alt und runzlig werden“, erklärte ich ihm das gängige Schönheitsideal.

„Komisch“, legte er den Denkerblick auf. „Man sieht doch echt toll aus, wenn man alt ist.“

„Na ja geht so. Du denkst bestimmt an die Ninja Meister mit den langen weißen Bärten. Klar die sehen super aus, aber die anderen? Es ist und bleibt eine Frage der Wertung.“

„Wie meinst du das denn?“

Plötzlich hörte ich meinen Namen. Die schöne Zeit war vorbei. „Du bleibst hier. Okay, wartest schön auf mich. Du hast ja deine Spielsachen!“, sagte ich in ruhigem Ton.

Er blieb vollkommen gelassen. Entweder vertraute er auf die Konsole oder auf meine Überlebenskraft.

Die Ärztin war der Meinung, dass die Betäubung das Schlimmste war. Angstumantelt ließ ich die Spritze zu. Danach räckelte ich mich ungefähr zwanzig Minuten auf der Liege und langweilte mich zu Tode. Ich spitzte die Ohren nach Klagetönen des Kleenen. Nichts zu hören. Sicherlich amüsierte er sich prächtig.

Dann verfrachtete mich die Schwester in den gefliesten Raum nebenan. OP Liege trotz einer relativ lokalen Behandlung. Mir sollte es recht sein. Endlich mal im OP. Warum nicht. Die Ärztin kam behandschuht und mit Kopfhaube. Wieder machte sie ihre Sache sehr ordentlich. Dann ließ sie mich mit den Worten die Schwester übernimmt gleich den Verband, allein.

Okay, dachte ich. So schlimm kann’s ja nicht sein und richtete die Augen auf die Hand. Da sah ich den blutdurchtränkten Mull. Nicht gerade das schönste Bild.

Ich drehte den Kopf zurück. Plötzlich schaltete sich das Denken aus und der Schwindel überzog mich mit einer klanglosen Virtuosität.

„Mir geht’s nicht gut. Können sie mir bitte irgendwas geben“, sah ich mich schon am Tropf gefesselt. „Oder besser bleiben sie hier, ich glaube ich kipp gleich weg“, wurde mir heiß und kalt. „Irgendwie ist mir schlecht“, erwähnte ich die aufkommende Übelkeit.

Schnell reichte mir die Schwester ein Schälchen. Daraufhin begab ich mich in die rechte Entleerungsposition.

„Sie können wohl kein Blut sehen“, sagte sie trocken.

„Keine Ahnung. Das war mir so noch nicht klar“, antwortete ich verwirrt. Noch etwas schwach auf den Beinen ging ich nach draußen. Der Kleene saß noch immer versunken in der Nintendowelt. „Gleich können wir“, nahm ich wie eine alte Frau neben ihm Platz. „Ich muss mal sehen was das jetzt wird. Vielleicht brauche ich ab und zu ne Pause auf dem Weg nach Hause.“

„Ich helf dir“, sagte er fürsorglich. Soll ich pusten.“

„Nee danke. Das wird schon wieder. Ist nur der Kreislauf“, begab ich mich in die Gerade.

Wir trotteten zum Ausgang und durch die Geistertür hindurch. Während ich einige Schritte ging kämpfte der Kleene noch immer mit der Automatik. Er forderte sie regelrecht heraus.

„Komm jetzt. Das ist kein Sportplatz“, schrie ich im Besitz meiner derzeitigen Kräfte.

„Mama, die Geistertür ist einfach cool“, kam er mit großen Augen angerannt.

Brandenburger und Meckpommes gibt’s nisch

 

Radfahren 2014 006Der Kopenhagen Radweg lockte und so fuhr ich mit den Freundinnen hinaus in die Natur. Wir beschlossen ohne Mitnahme von Nudeltöpfen und Kocher auszukommen, denn einkehren könne man ja bekanntlich überall. Auf der Karte leuchtete wagemutig das Zeichen für Gastronomie in fast jedem Ort.

Der erste Abend ließ uns innehalten. Nach einer Fahrt von fünfzig Kilometern von Oranienburg zum Kleinen Wentower See waren wir überaus glücklich die Zelte auf dem Campingplatz aufzuschlagen. Vor sechs Uhr standen die Plastikbehausungen und wir watschelten gut gelaunt in den Ort. Das Gasthaus fanden wir geschlossen vor. Resigniert kehrten wir zurück und fragten den Zeltplatzwart wo es jetzt noch was gebe.

„Hier gibt’s nichts. Alles zu. Weit und breit nichts zu holen. Wenn sie was kaufen wollen schließ ich ihnen den Laden auf.“

Wir nickten, liefen zielstrebig hinter ihm her. Schnell entschlossen griffen wir zu Chips und Bier. Mit unserem Hab und Gut machten wir es uns auf der Gartenbank unter der großen Linde gemütlich. Vor uns kampierte eine Familie mit drei Kindern. Der Vater kochte, rief zum Abendbrot. Alle kamen, nur Klein Ella wollte nicht. Sie saß noch immer wegen irgendeiner Sache auf der Rutsche und wollte einfach nicht runterkommen. Fast wäre ich aufgesprungen, hätte laut aufgeschrien. „Dann gib mir die verdammten Nudeln. Wenn die Kleene nicht will, dann muss sie ja nisch.“ Ich hielt mich im Zaum und knabberte traumatisiert mit meinen Radfreundinnen an den Chips.

Tag zwei hatte es kulinarisch ebenso in sich. Ängstlich, zugleich gierig nahmen wir das Cafe in Himmelpfort in Besitz. Die Karte zeigte vier Gerichte. Nicht sonderlich viel, aber gut, für jeden war etwas dabei. Nochmals sah ich das Essen notiert mit Kreide auf einer Tafel. Bestellt werden musste bei Mutti an der Theke.

Mutig brachte ich die Worte über die Lippen. „Das Rösti bitte, mit Apfelmuss.“

Die schnittige Antwort kam auch hier in Sekundenschnelle. „Das gibt’s nisch.“

„Ach so. Ja, dann nehme ich die Suppe“, sagte ich schon fast entschuldigend.

Gott sei Dank schien die Sonne und die Begleiterinnen waren vollauf zufrieden mit ihrem Essen und den Getränken. So traten wir uns daraufhin die Beine in den Bauch bis dass der Regen hernieder kam. Der hatte es in sich. Ein richtiger Schauer, der sich zu einem lang anhaltendem Niederprasseln ausweitete. Durchnässt suchten wir uns in Wesenberg eine Bleibe, was ebenso nicht sonderlich einfach war. Mit viel Überredungskunst bekamen wir das Zimmer. Ein glücklicher Moment.

Wie am Abend zuvor wollten wir etwas essen. Es war 20 Uhr. Das Gasthaus und der Imbiss luden zum Schmaus ein. Wir entschieden uns für den Imbiss. Ein sehr fleißiger Imbissbesitzer versorgte die lange Schlange an Menschen. Wartezeit musste eingeplant werden. Ich hörte etwas munkeln, dass es möglicherweise keinen Döner mehr geben würde. Als ich an der Reihe war einigten wir uns auf einen Falafel mit einer Teigummantelung. Siehe da, plötzlich gab es noch ein Brot mit Dönerfleisch für meine hungrige Radfreundin. Nachdem wir nun fast satt waren, verlangte es uns nach einem Eis. Im Imbiss standen zwei Eispappen mit den bunt gedruckten Varianten verschiedener Sorten.

„Wir würden noch ein Eis kaufen“, sagte Britta.

Die Antwort kam prompt. „Gibt’s nisch.“

„Naja wir dachten, wegen den Schildern“, wandte sie höflich ein.

„Nee, die muss ich mal wegräumen. Eis haben wir nisch. Sie können es ja mal im Gasthaus versuchen.“

„Danke ja, machen wir“, drehten wir uns mit geschlossenem Mund um.

Wohlgenährt von einem leckeren Pensionsfrühstück machten wir uns am Tag drei auf den Weg in Richtung Waren. Nachmittags nach einem wunderbaren Bad im See kam der Hunger. Ein Imbiss am Wegesrand pries seine Möglichkeiten an. Selbstbedienung wieder mal. Vor mir bestellte eine Frau Bratkartoffeln mit Spiegelei. Das klang gut, das wollte ich auch haben. Meine Radfreundin stand akkurat hinter mir. Plötzlich aus dem Nichts, schob sie sich vor, drängte mich und mein Hungerbedürfnis zur Seite. Ich moserte, doch sie gab völlig unbeirrt die Bestellung ab. Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Nun war ich an der Reihe. „Einmal Bratkartoffeln mit Spiegelei“, setzte ich die Anweisung.

„Gibt’s nisch“, brummte mir die Mutti in der Küchenschürze entgegen.

„Wieso? Verstehe ich nicht“, entgegnete ich ihr.

„Die Eier sind alle“, zuckte sie mit den Schultern.

„He Leute“, brüllte ich zu den am Tisch sitzenden Freundinnen. „Hier gibt’s nischt. Keine Bratkartoffeln mit Spiegelei.“

Sie lachten sich kaputt, schlugen sich auf die Schenkel.

Ich grinste der Thekenmutti in Gesicht. „Dann nehme ich die Eier kuchen, die gibt’s ja noch oder?

Tag vier überstand ich mit einem ausreichenden Frühstück und einer halben Pizza zum Mittagessen. Danach nahmen ich, Muskelkater geplagt und eine der Freundinnen den Zug nach Berlin. Trotz all der Strapazen waren es vier wundervolle Tage. Hoffentlich nächstes Jahr wieder nur mit genug Essen im Gepäck.

Gespräche mit dem Kleenen

 

Dagobert Duck und der Frühstückstoast

Der Kleene und ich sitzen schweigend am Frühstückstisch. Er reibt sich die Augen und gähnt.
Ich starre versunken auf die verschiedenen Schrifttypen der Kaffeetasse. Sie rollen braunfarben von links nach rechts und wieder zurück. Im Hintergrund läuft das Radio.
„Noch müde?“, schmiere ich die Butter auf den Toast. Nachdenklich wechsle ich den Blick zwischen dem zerlaufenden Fett und dem angestrengten Augenzwinkern des Kleenen.
Er sagt nichts, keinen Ton. Gebannt starrt er auf die Marmeladenschicht, die ich nachträglich auftrage. Plötzlich ein Piepsen und Quietschen. Die Stimmbänder werden angekurbelt, in Bewegung gesetzt.
„Mama, Luise hat beim Leseprojekt ein Buch vorgestellt, dass Luise heißt“, kichert er.
„Aha“, beende ich den Brotstrich und übergebe ihm die Nahrung.
„Mama, kannst du mir bitte die Marmelade bis an die Ecken streichen!“, fordert er das perfekt geschmierte Brot ein.
„Wieso denn? Da kannst du gar nicht anfassen. Das klebt voll an deinen Fingern. Und überhaupt ist das mal wieder einer deiner seltsamen Rituale, die du dir abgewöhnen solltest.“
„Trotzdem“, begehrt er auf.
„Wie du willst“, greife ich nach dem Brot und ratsche das Messer bis an die äußersten Ränder. Gekonnt hantiere ich den Toast auf seinen Teller. Guten Appetit wünsche ich in tiefer Tonlage.
„Mama, weißt du was ich mache. Soll ich es dir verraten,“streift mich ein funkelnder Blick.
„Ja Kind, besser gesagt nee. Wovon redest du eigentlich?“, frage ich unsicher.
„Na, von dem Buch.Ich stelle ein lustiges Taschenbuch vor. In der Geschichte versucht Dagobert an einen Schatz zu kommen. Donald soll ihm dabei helfen.“
„Du willst ein Comic vorstellen? Ist das nicht ein bisschen doof mit vorlesen. Ich meine die Kinder sehen ja nicht die Bilder“, ziehe ich die Augenbrauen nach oben.
„Ist mir doch egal. Das ist mein Lieblingsbuch.“
„Vielleicht solltest du erst Mal deine Lehrerin fragen, ob das geht“, beurkunde ich die mütterlichen Zweifel.
„Nee, das mache ich nicht. Sie hat gesagt kein Star Wars, mehr nicht.“
„Wenn du meinst. Wie geht es Thomas eigentlich?“, versuche ich das Thema zu wechseln.
„Gut“, sagt der Kleene. „Vor kurzem kam er mit einem Packen voller Geld, Fünfziger und Hunderter Scheinen.“
„Wie, was?“ horche ich auf. Wo hat er das denn her. Ist er reich?“
„Gearbeitet, aber reich ist er nicht. Reich ist Dagobert. Er hat einen ganzen Tresor voller Geld. Er kann sogar drin schwimmen.“
Ich nicke. Da hat der Kleene vollkommen Recht. Mit einem Packen voller erarbeiteter Scheine ist man nicht unbedingt reich. Zieht eine Regenwolke auf, kommt ein Windstoß ist das ganze Papier weg. Die große Sinnfrage lautet, bezieht sich das Reichsein auf einen Prozentsatz an Münzen und Scheinen, auf materielle Werte, oder sollte ich als weiterdenkendes Wesen auch die anderen Sachen wie Liebe, Zusammenhalt, Zufriedenheit ins Auge fassen?
Diese tiefgründigen philosophischen Zusammenhänge werde ich mit dem Kleenen bei einem weiteren Toastbrot klären, aber nur wenn die Marmelade sich schön abseits der Ränder verdickt.

 

Dunkle Verirrungen

Mein Name ist Andreas Andernach. Ich wurde am einundzwanzigsten vierten neunzehnhundert fünfundfünfzig in meinem Heimatort Bilblingen geboren. Der Name meiner Mutter ist Roswitha Andernach. Sie starb vor mehr als zehn Jahren an einem Schlaganfall. Sie erreichte das hohe Alter von fünfundachtzig Jahren.

Das Grab der Mutter befindet sich auf dem Gemeindefriedhof des Ortes Mistelreuth, der jedermann zugänglich ist. Die Schwester Liselotte Gebhardt, geborene Andernach, zahlt die jährlich ausstehende Grabgebühr von dreißig Euro. Einmal im Monat harkt sie die Erde, pflanzt im Frühjahr die Blumen oder legt im Herbst die Kränze. Sie ist zuverlässig und pflichtbewusst. Sie hat ein markantes Naturell. Sie ist widerstandsfähig, hart im Nehmen wie alle Frauen aus der Andernachschen Linie.
Der Herr Vater Edwin Andernach machte sich kurz nach meinem fünften Geburtstag davon. Nach Amerika, in das gelobte Land, kündigte er frühzeitig das Gehen an. Geld verdienen, die Freiheit genießen, kaufte er sich ein Schiffsticket nach New York. Anfangs schickte er der Mutter Briefe, mit Geld und Fotos. Grüße an mich und meine Schwester blieben aus. Zurückhaltend war der Vater, auch in den Jahren des gemeinsamen Beisammenseins. Er hatte der Mutter die Pflege und die Erziehung der Kinder überlassen.

Den Bauernhof führte die Mutter weiter mit Beständigkeit und Beharrlichkeit. Sie fütterte die Tiere, drehte das Heu, kochte uns Kindern das Mittagessen. Die Hühnerbrühe beherrschte sie. Würzen tat sie die Suppe nach ihrer ganz eigenen Art. Vorkochen, über Nacht stehen lassen, dann wurde sie mit einem hartnäckigen Lächeln serviert.

In jungen Jahren besuchten meine Schwester und ich die Grundschule der Gemeinde Bilblingen. Gute, aber strenge Lehrerinnen taten den Stoff kund. Gehorsam, ohne Milde walteten sie, wahrten die Grundsätze. Schon die Kleinsten hielten das Maul. Mit Strenge wurde das Vergessen der Hausaufgaben geahndet, die Leistungen verglichen. Auf dem Schulhof wurde vorsorglich marschiert. Die Kleinsten in Reih und Glied pfiffen die Gestrengen das Lied. Ehrbar für das Land, für die Gemeinde in den Krieg gehen, die Heimat verteidigen, hielten die Damen in ihren langen dunklen Kleidern die Vorträge. Ein kühler Wind herrschte im Schulhaus. Das modrige Holz wurde von dem Hausmeister lackiert. Es war schon immer so gewesen, munkelten die Älteren. Keines der Kinder lehnte sich auf. Trauen tat sich niemand, denn ein unüberlegtes Wort und schon setzte es was mit dem Rohrstock, der in den meisten Teilen des Landes schon längst in den Kellern verwahrt wurde.

Die Mutter verbot mir und der Schwester in der Schule vom Vater zu erzählen. Bloß nichts an die große Glocke hängen, kein Wort verlieren, nichts flüstern über die Zustände im Hause, über das Fortbleiben des Hausherren, drohte die Mutter morgendlich mit dem Zeigefinger. Die Leute im Dorf redeten. Sie freuten sich über die Fehltritte der anderen. Die Mutter ängstigte sich um den Ruf der Familie. Vorsichtig umging sie jede Frage der Nachbarn nach ihrem Ehemann. Abends schloss sie die Fenster, zog die schweren Gardinen vor.

Aufgegliedert war das Anwesen in das Wohnhaus, die Scheune, einige Tierställe, in denen wir Hühner, Schweine und Ziegen hielten. Ebenso beherbergten wir fünf Katzen und den Haushund. Die Wiesen mit einem angrenzenden Waldstück waren im Gemeinderegister eingetragen.

Eine Selbstverständlichkeit war es, dass die Kinder mit anfassten. Von klein auf wurde gearbeitet. Der Hof, ein Familienbetrieb. Erwischte mich die Mutter beim ausgelassenen Herumtollen mit dem Hund, rügte sie mich , trug mir sogleich das Auswaschen der Bottiche, das Melken der Ziegen auf.

Am meisten hasste ich die Hühner. Den Stall, das Ausmisten mit der Mistgabel. Dreck machten sie alle, aber die Hühner ganz besonders. Außerdem hatten sie nichts weiter als das Gackern, das Flattern mit den Flügeln, das Eier legen, und das uneinsichtige Herumturkeln im Sinn. Nahm die Mutter Samstags das Schlachtbeil, hob sie an, um einem der lästigen Viecher den Garaus zu machen, freute ich mich wie ein Kleinkind, wenn der erste Schnee fiel. Gekonnt, geübt mit den groben Fingern nahm sie ihnen das Leben, zog sie den Hauch, die Essenz des Seins. Sie war die uneingeschränkte Herrscherin, vor der ich achtsam aufsah und klein beigab. Flüsternd setzte ich die Lippen brummte das Ja und Amen in der Kirche.

In den besten Jahren wirkte die Mutter groß und kräftig. Das lange Haar stets gebunden. Umrandung am Hinterkopf. Gezwirbelt, gedreht. Nie sah ich sie mit offenen Strähnen. Lang musste es sein. In sorglosen Träumen wehte das schwarze Haar verspielt ihr um das Kinn, über die Schultern. Ich machte sie mir schön. Stellte sie mir vor, als sie noch jung war, wie sie vor dem Spiegel die Kleider strich, wie sie in ihre Lieblingsschuhe schlüpfte. Sie war immer ordentlich gekleidet. Stets trug sie über den langen Röcken eine blaue Schürze. Obwohl viele Frauen aus dem Ort Hosen trugen, ging sie nicht mit der Mode mit. Sie verachtete die Trägerinnen. Männlich einfältig, presste sie ihre Lippen. Abends, nach dem Abendbrot setzte sie sich meist an die Nähmaschine, machte Ausbesserungen an Hemden und Jacken. Das halbe Dorf kam zu ihr. Später dann, mit dem Alter hing sie mehr und mehr an der Flasche. Bier, Wein, Wodka. Oft schickte sie mich in den kleinen Dorfladen. Nach und nach vernachlässigte sie das Vieh und sich selbst. Hungrig jaulten die Tiere in den Wind bis sich meine Schwester erbarmte.

Von Seiten der Lehrerin wurde mir angeraten, eine Ausbildung zu machen. Die Mutter war auch dafür. Sie meinte, schaden könne das nicht. Das hauseigene Waldstück brauchte dringend Pflege. Äste mussten geschnitten, das Unterholz entsorgt werden. So entschied ich mich für den Forstarbeiter. Ich wusste ja selbst nicht wohin. Jung, dumm und einfältig scherzten die Alten im Dorfgasthof. Mit Anton, dem Vorsteher, ging ich tagtäglich in den Wald, die Wochenenden ausgeschlossen. Eine harte Arbeit, war das Waldgeschäft. Insbesondere das Bäume fällen und das anschließende Zersägen zehrte an meinem Körper. In den Ausbildungsjahren war ich oft krank. Wehleidig blieb ich im Bett, zog die Federdecke über den Hals. Überhaupt war ich eher ein schüchterner, ein ruhiger Junge. Ich sprach nicht viel. Die Worte fehlten mir. Die Mutter beschwerte sich oft über die unheimliche Stille, wenn ich mit ihr im Raum war. Kannst du nicht wenigstens einen Satz von dir geben, nicht wenigstens einen Einzigen, pflegte sie lang gezogen zu sagen. Dafür sprach sie umso mehr. Sicherlich um der beunruhigenden Lautlosigkeit zu entgehen.

In den Neunziger Jahren brachte die Schwester sie in ein Heim. Ich besuchte sie ein einziges Mal, danach nie wieder. Der grässliche Gestank, traf meine Sinne. Schwer atmend verließ ich das Haus. Auf dem Gehweg erbrach ich mich. Die Augen der Mutter, groß, weit, fernab von der Welt, schimpfte sie wie schon in frühen Jahren auf die schlechte Beikost, auf das nicht gemachte Bett. Doch selbst, war sie dem Ekel fremd, empfand den eigenen süßlichen Geruch des Todes als völlige Normalität. Ich versprach wieder zu kommen. Fest drückte ich ihre Hände, fest ineinander gehakt, berührte die Hühnerhaut, die meine. Dem Haus bin ich ferngeblieben, bis zu ihrem Tode. Noch nicht einmal habe ich an ihrer Beerdigung teilgenommen. Was sollte ich da? Heuchlerisch den Tod einer Frau beweinen, die mir zutiefst fremd war. Sicher hätte ich mich ergeben zeigen müssen, bewohnte ich das Haus meiner Kindheits- und Jugendjahre.

Erinnere ich mich an die Jugendzeit, erscheint sie mir heute, als die Glücklichste und Schönste in meinem Leben. Nachdem ich die Lehrjahre hinter mich brachte, bekam ich eine Stelle bei der Gemeinde. Anton, der Vorsteher, hatte während der Arbeit zu tief ins Glas geguckt. Beim Fällen eines überaus großgewachsenen Ahorns fiel der Baum auf seinen Fuß. Glücklicherweise kann man sagen, denn sonst wäre wohl Schlimmeres passiert. Das Laufen fiel ihm nach der Genesung schwer. In den Wald kam er nicht mehr zurück. Die Gemeinderäte zögerten nicht lang. Sie setzten mich zu meinem Glück auf die Stelle.

Hans, der Schlächter, war einer der Kollegen. Sie nannten ihn so, da er eine Leidenschaft für das Jagen und das Ausnehmen hatte. Jedenfalls erzählte er detailgetreu seine Arbeitsweise. Den anderen lief immer ein Schauer über den Rücken, wenn er seine Geschichten Preis gab. Auch stellte er monatlich etwas Wildbrett auf den Tisch. Alles zu einem kleinen Preis. Fragte ich ihn nach dem Jagen, schüttelte er grinsend den Kopf. Heute nicht, ein anderes Mal, zischte er mit einem nasalen Unterlaut.

Meine Neugierde gefiel ihm. Überhaupt mochte er mich. So unterbreitete er mir eines Tages ein Angebot, welches mein Leben maßgeblich beeinflusste.

Am nächsten Morgen holte er mich in der Früh vom Hof der Mutter ab. Ich hatte nichts gegessen, etwas aufgeregt wartete ich in der Dunkelheit. Dem Haushund strich ich übers Fell, beruhigte ihn. Schmeichelnd und zart, tönte ich ihm zu.

Niemand dürfe etwas erfahren. Das absolute Stillschweigen wurde benötigt. Etwas lernen könnte ich, doch vorsichtig müssten wir allesamt sein, nicht unbedingt gesetzestreu wäre das Unterfangen, stellte Hans die Bedingungen.

Angst kannte ich nicht. Mit verschränkten Armen, und ernster Miene, sagte ich, dass ich mich bereit hielt. Hans bräuchte sich keine Sorgen machen. Ich war dafür bekannt, dass ich den Mund nicht auf bekam.

Daraufhin grinste er zufrieden, drückte mir die Hand.

Mit dem alten VW fuhren wir hinaus in den Wald. Hans öffnete den Kofferraum. Zwei Schusswaffen, Gewehre, lange Läufe. Auskennen tat ich mich nicht, doch meine Vermutung wurde wahr. Wir gingen auf die Jagd.

„Hier Kleiner!“, reichte er mir eine der Waffen.

Zitternd packte ich den Kolben. „Muss ich irgendetwas beachten?“, fragte ich unsicher.

„Nur das Ding nicht gegen dich selbst richten“, lachte er. „Halte dich an mich. Ich zeig dir, wie es geht, oder willst du lieber nach Hause?“

„Nein, bestimmt nicht. Es ist nur.“

„Du hattest noch nie eine Waffe zwischen deinen Fingern, was? Fühlt sich groß und mächtig an, oder?“, packte er das andere Gewehr, hob es an und hielt es in meine Richtung, so als würde er im nächsten Atemzug, den Schalter umlegen. „Du zitterst ja, was hast du denn auf einmal?“ Noch immer hielt er das Gerät in Richtung meiner Brust. Dann ließ er es fallen. „Keine Angst mein Kleiner, ich tu dir nichts!“

„Gott sei Dank!“, sagte ich aufatmend. „Ich dachte schon, du wolltest mich umlegen.“

„Ich doch nicht, sehe ich etwa so aus wie ein Mörder?“, zog er eine Armeeplane über das Auto. „Nur eins verfinsterte sich sein Blick. „ Zu keinem ein Wort, das was hier geschieht, bleibt unter uns!“

„Natürlich Hans, aber jagen darf jeder.“

„Nur ich nicht, du Dummkopf! Den Jagdschein haben die Idioten mir abgenommen. Zu wild herum geschossen. Absurd“, erregte er sich.

„Hattest du nicht?“, murmelte ich leise.

Hans schnitt mir das Wort ab. „Ja, den Jakob, habe ich angeschossen. Ins Bein. Vor die Flinte war er mir gerannt, der Blödian. Selber schuld!“

„Mordverdacht“, sagten manche. Stimmt das Hans?“, zielte ich durch die Nacht.

„Jetzt fängst du auch noch damit an. So ein Blödsinn. Leiden konnte ich ihn nicht, aber umbringen? Nein, das passt nicht zu mir. Der Schein ist weg, doch wer einmal ein Jäger ist, ist immer ein Jäger. Von denen lass ich mir nichts sagen. Die höchsten Gerichte in der Stadt. Da lache ich drauf!“

Wir schlängelten uns einen abgelegenen Pfad entlang. Einige Male wäre ich fast über meine Füße und den langen Kolben gefallen. Ich hoffte inständig, dass die Wanderung bald vorbei wäre.

„Hier in der Schonung, da haben die ihr Nachtlager. Ich sag dir eins, nur keinen Bock schießen!“, flüsterte er.

Wir kletterten auf den Jägerstand. Von dort konnten wir die Büsche und Bäume gut einsehen. Der Mond leuchtete das halbschattige Licht in die Landschaft. Hans zeigte mir wie ich das Gewehr anlegen sollte. Ich bezweifelte, dass ich einen einzigen Treffer landete. Noch niemals hatte ich ein Gewehr in der Hand gehabt. Keine einzige Stunde hatte ich geübt. Wie sollte ich ein Tier schießen, wenn ich auf dem Jahrmarkt noch nicht mal den rot gestrichenen Kreis traf. Ich ließ mir die Zweifel nicht anmerken.

Als ob Hans meine Gedanken roch, sagte er. „Für das erste Mal wirst du den Schreckschuss abgeben. Das Töten übernehme ich.“

Zufrieden und etwas sicherer begab ich mich in die Position. Ich stellte mich neben Hans, drückte die Flinte an die Brust, zog den Knauf. Meine Brust verengte sich, schwer fiel mir das Atmen. Ein Knall ertönte, so dass ich die Flinte am liebsten von mir geworfen und zugleich die Ohren zugehalten hätte. Doch ich war es, der getönt hatte, ich, Andreas Andernach, hatte den ersten Schuss abgegeben. Ein Glücksgefühl kam über mich, denn sogleich raschelte, es da draußen. In der Dunkelheit formierten sich die Schatten, bewegten sich die Tiere durch den Wald. Die langbeinigen Viecher aufgescheucht, streiften die Büsche, rannten sie ängstlich durch die Nacht.

Hans legte an, er schoss, eins, zwei, ein drittes Mal. „Erwischt, erwischt“, grinste er vor Freude.

Wir stiegen die knorrigen Holzstufen hinab. Als wir unten waren, holte Hans eine Taschenlampe aus dem Rucksack. Er leuchtete auf den Boden. Am Rande der Schonung, da wo sich die Tannen verdichteten, da wo das Unterholz jedes Durchkommen verhinderte, lag das Reh. Vorsichtig näherte ich mich. Im Schein des Lichts schaute ich auf die geweiteten Augen des Tieres. Sie sahen nicht unglücklich aus, eine Mischung zwischen Neugierde und jugendlicher Forschheit, sprach aus ihnen.

„Jetzt beginnt die Arbeit. Wir schleppen das Tier zum Auto. Es muss zu mir nach Hause, los, pack schon an!“, schimpfte Hans. „Da gibt es nichts zu gucken. Das Tier ist tot oder willst du es wieder lebendig machen?“

Ich griff die warmen Vorderbeine. Überzogen von Haaren. Flauschig verspielt fühlte es sich an. Ich erinnerte mich an die Kinderzeit. Damals bekam ich die Pfoten und Schwänze der Karnickel. An Feiertagen wurde geschlachtet, der Braten kam auf den Tisch. Die Mutter rief, hier Andreas, hier habe ich was für dich. Mit einem Lächeln drückte sie mir dann die weiß, grau oder schwarzhaarigen Pfoten in die Hand. Das Fell behielt sie sich selbst ein. Sie ließ es gerben und legte es dann in die große Holztruhe.

Wir zogen das Reh auf die ausgebreitete Plane. Ich packte die Enden an den Seiten und bedeckte es. Gut verpackt, schnürten wir das Tier zu.

„Jetzt heb mir das Vieh auf den Rücken!“, befahl Hans wissend.

Einen sonderbaren Gurt legte er sich um. Praktisch, genau ausgerichtet für schwere Lasten. Einen Sack Beton hätte gut und gern da befestigt werden können. Ich legte das Reh hinein, wand und zog die Knoten so fest, dass der tote Körper sich nicht von selbst befreien konnte, dass er den Hans im Laufen beeinträchtigte oder lästig abrutschte. Er drückte mir die Lampe in die Hand. Vorneweg marschierte ich.
In dieser Nacht wurde ich erweckt. Verheißungsvoll wallte die Hitze durch meine Adern, tobte das Blut wie ein sprudelnder Geysir.

Einige Wochen später wurde ich Mitglied im Schützenverein. Ich wollte nicht unter dem Mantel der Illegalität jagen. Nein, ich wollte brav und treu nach den Gesetzen der ortskundigen Jäger tätig sein. Nach eifriger Mitarbeit und einer praktischen Prüfung bekam ich den Jagdschein. Meine erstes Gewehr kaufte ich zu einem günstigen Preis einem meiner Vereinsfreunde ab. Dort half man sich gegenseitig. Eine eingeschworene Truppe waren die Männer. Alte und Junge, eine Schiffsbesatzung auf hoher See, würde man am Stammtisch sagen. Sonntags bliesen sie die Fanfaren und wir schossen das Wild. Rehe, Wildschweine, Fasane oder Rebhühner. Gegen Mittag wurde gezählt. Jeder bekam ein Fleischpaket mit nach Hause. Es war eine glücklich Zeit, voller Schulterklopfen und Händeschütteln.

Doch dann rief der Hans an, ob ich nicht genug hätte von diesem Altmännerverein. Überhaupt müsse ich zu ihm stehen und mehr als ein albernes Schnitzel bliebe allemal. An den Verkäufen würde er mich beteiligen. Versprochen, sagte er, hoch und heilig.

Pflichtbewusst ging ich darauf ein. Die nächtlichen Unternehmungen führten wir fort. Es wurden zunehmend mehr. Ich als geübter Schütze traf inzwischen fast jedes Kalb. Mitunter konnten wir beide kaum noch feststellen, welche Kugel, die Todbringende war.

Dann kam der Tag als Hans fortzog, in die Großstadt. Seine Frau hatte eine angeblich bessere Arbeit bekommen und er würde sicher auch bald etwas finden. Ausreden konnte er es ihr nicht und allein wollte er nicht bleiben. So verkauften sie das Haus und die Wiesen. Auf Nimmer-Wiedersehen, verabschiedete er sich.

Seltsam war es ohne den Hans. Das sonntägliche Jagen machte mir nach einem Jahr keinen Spaß mehr. Eine mühsame Pflicht, die Treffen mit den Gockeln. So nannte ich die Waidmänner, da sie mit ihren grünen Uniformen, den Abzeichen und den Federhüten wie aufgeblasene Hähne herum stolzierten. Ich beschloss wie in alten Zeiten, das Jagen auf die Nacht zu verlagern. Wilderei nannten sie das Umtreiben ohne Unterschrift. Geldstrafen, bis zu einem Jahr Haft. Wurde der Missetäter erwischt, dann war es aus.

Nichts hielt mich ab. Ich verwischte die Spuren, achtete auf die Lautlosigkeit und übte das Handwerk vollkommen geschickt aus. Mit der Zeit überkam mich der Mangel der Anerkennung, so begann ich kleine Zeichen zu hinterlassen. Blutspuren, Fellstücke, Hautfetzen. Doch als auch da keiner die Wilderei in den eingefleischten Kreisen zu Gespräch brachte, machte ich die Sache mit den Köpfen. Mit dem Fleischermesser, welches die Mutter seiner Zeit für das Sezieren nutzte, ging ich vor. Gut verpackt in der ledernen Hülle trug ich es stets bei mir.

Vor lauter Grinsen schlug ich die Hände auf die Schenkel. Der treuherzigen Augen der Rehe, wie sie da abgetrennt vom Körper im Moos gebettet darnieder lagen. Rasend tat ich das Werk, schwenkte und schlitzte. Blitzschnell trat ich zur Seite, denn das Blut spritzte jedes Mal frohlockend aus der Halsschlagader. Befreiend war das. Eine Last fiel mir von den Schultern, so als ob ich selbst zum Aderlass angetreten war. Die Hände schmierig führte ich stets eine Flasche Wasser mit mir. Ich kippte, säuberte und sprach das Ave Maria, was die Mutter mich seit der Kindheit gelehrt hatte. Ich ging immer zu Fuß, auch weite Strecken. Zu verräterisch die Reifen, zu laut das Gebrumme des Motors. Während der langen Wanderungen kamen mir die anderen Waidmänner in den Sinn. Der dicke Franz, der hochnäsige Xaver und der gierige Vereinsvorsteher. Sollten sie nur sehen, diese eingebildeten Gockel, dachte ich froh gelaunt.

Siehe da, nicht lang, und die vergilbten Köpfe, die Augen waren das Gesprächsthema unter den Herren Jägern. Ein Verrückter, ein Kranker war es, einer, dem man mit aller Vorsicht begegnen musste. Es war einer, der Tiere nur so zum Spaß tötete, aus Lustempfinden wurde gemunkelt. Sicherlich verging er sich daran, denn die Körper verschwanden regelmäßig. Nur die Köpfe ließ er aus unerklärlichen Gründen liegen.

Eines Tages fragten sie mich, was ich über das gesamte Geschehen dachte. Ich musste mich ernstlich zusammenreißen, dass ich nicht laut losprustete. Ich gestand ihnen, dass der Kerl da draußen, der die unheimlichen Untaten beging und den selbstverständlich keiner von uns kannte, betrachtete man es ganz genau, ja, absolut genau, einen sauberen Schnitt setzte.

Die meisten lachten, sagten freundlich, dass ich mit meinem Zynismus wohl noch mal in der Hölle landen würde und gingen ohne einen Gedanken ihrem Tagesgeschäft nach.
Der Herbst und der Winter kam. Der Schnee verhinderte lange Wanderungen. Er machte Spuren und kein noch so dummer Wilderer würde im Winter sein Unwesen treiben. Ich vertat mich auf den Ausbau der Holzhütte. Ich besserte das Dach und die Wände aus. Von innen dämmte ich das Ganze, mit Schaumstoff. Ich brachte Holz an, machte es mir wohnlich. Für die beträchtlich angewachsene Anzahl an Waffen, Munition, diversen Schlachtmessern und etliche Frauenzeitschriften, stellte ich ein Regal in der Hütte auf. Auch befestigte ich viele Haken. Daran kamen die Seile und Gurte. Einige der Felle und Geweihe schnallte ich ebenso an die Wand.

In ruhigen Stunden, war die Holzhütte mitsamt dem Kellergewölbe, für mich der einzige Platz, an dem ich sein konnte. Hier beschaute ich mir in den Frauenzeitschriften die Körper des anderen Geschlechtes. Hans schenkte sie mir kurz vor seinem Umzug. Wenn meine Frau die sieht, bin ich dran, sagte der Schlächter ängstlich, und drückte mir den Haufen Papier in die Arme.

Inzwischen zählte ich vierzig Jahre. Verheiratet war ich nicht. Auch hatte ich keine Freundin. Aus der Nachbarschaft hatten die Mädchen Interesse angemeldet. Die Rosi war abkömmlich. Sie hatte bisher noch keinen, darum fragte sie mich an einem Nachmittag nach einem Treffen. Unschuldig, nahezu belanglos tat sie. Die Kaffeemaschine liefe stündlich. Warum nicht vorbei kommen und gemeinsam dem Getränk frönen. Über beide Backen grinste sie, stemmte die Hände in ihre breiten Hüften.

Ich blieb standhaft, sagte, vielleicht ein anderes Mal.

Inzwischen war die Schwester ausgezogen. Mit der Mutter lebte ich ein fest auf den Tagesablauf abgestimmtes Leben. In der Stube saßen wir zum gemeinsamen Abendbrot miteinander. Ansonsten arbeitete ich im Forst oder hielt mich in der Holzhütte auf.

Der Mutter verbot ich den Zugang zur Hütte. Ich erzählte ihr, dass sie voll von Werkzeug und lauter Unrat war. Ihr würde alles auf den Kopf fallen, wage sie sich in die Höhle des Löwen.

Sie hielt sich daran, bis sie eines Abends mir auf das Köstlichste das Abendbrot vermieste. Wie immer saßen wir an dem langen Holztisch. Sie am Kopf, ich am Fußende. Die Stehlampe aus der Stadt beleuchtete spärlich den Raum. Es war eine der neuen Stromsparlampen, die ihr die Schwester mitgebracht hatte, eine die es für teuer Geld gab, die aber nichts taugte. Sehen konnte man nichts. Im Halbdunkel getaucht, löffelten wir die Suppe.

„Andreas!“, schaute sie von ihrem Teller auf. Ihre Augen durchdrangen mich wissend. Den Löffel hielt sie, führte ihn langsam zum Mund, öffnete und ließ das Ei darin verschwinden.

„Ja!“, erwiderte ich kleinlaut.

„Du verbirgst etwas vor mir“, musterte ihr Blick mich abfällig.

„Nein Mutter, wie kommst du drauf?“, tat ich als wüsste ich nicht wovon sie sprach.

„Du belügst mich. Du belügst deine Mutter. Was ist nur aus dir geworden!“, ließ sie den Löffel auf den Tisch sausen.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, blieb ich standhaft.

„Ich habe mir die Sachen angeschaut. Die Waffen, was hast du bloß vor?“

„Warst du auch im Keller?“, unterbrach ich sie abrupt.

Sie schaute mich an, sah fast durch mich hindurch. „Nein, Andreas. In deinem Keller war ich nicht.“

„Mutter!“, stand ich auf. Entsetzt, wütend war ich darüber, dass sie über das Verbot hinwegschritt. „Kein einziges Mal wirst du in die Hütte gehen. Hast du das verstanden!“ Zur Untermalung zog ich das Fleischermesser, was ich bei mir trug, aus der Schutzhülle. Ich holte aus und rammte die Metallspitze in die Tischplatte.

Die Mutter fuchtelte mit ihren Armen, wild vor dem Gesicht. Sie kreischte, so dass ich ihr am liebsten die Kehle fest zugedrückt hätte.

„Bis du des Teufels, du garstiger Bub!“, rief sie.

Ich setzte mich an den Platz zurück. Die Schatten zogen sich langsam hinter mir zu. Die Suppe aß ich bis auf den letzten Löffel, langsam und bedächtig.

Die Mutter löffelte ebenso. Sie hustete, verschluckte sich. Ängstlich, unruhig schaute sie durch die Gegend. Ihre mütterliche Festigkeit verlor sich. Eine Frau mit eingezogenem Rücken, mit schwächelnden Händen war sie, eine Frau, die keine Ahnung hatte, wie es um das Leben stand.

Ich ging ohne ein Wort, ohne einen Blick. Nicht ein einziges Mal drehte ich mich um. Schnurstracks lief ich über den Hof in die Hütte.

Fest schloss ich die Tür hinter mir zu. Gleich morgen würde ich in den Eisenwarenladen gehen. Vorhängeschlösser bräuchte es, denn der Mutter war nicht zu trauen.

Ich drehte das Kofferradio laut auf. Die Wetterprognosen waren schlecht. Schneien sollte es. Glatteis auf den Straßen. Die Autofahrer im Land wurden gewarnt. Unruhig ging ich zu dem Regal auf dem die Frauenzeitschriften lagen. Die ganz Unterste zog ich vorsichtig heraus. Frauen, knapp bekleidet schauten mich mit ihren großen Rehaugen an. Auf der vorletzten Seite gewahrte ich mehrere Anzeigen. Dienste ganz besonderer Art wurden angeboten. Daneben Bilder von vollbusigen Frauen. Meine Phantasie überschlug sich. Die Brüste unter dem seltsam anmutenden Tigerbikini im Blick, verschaffte ich mir ein wenig körperliche Abhilfe. Die ganze Aufregung, mit der Mutter. Der Einbruch, der kolossale Übergriff, die Anschuldigungen. Das Blut hatte sie mir bis zu den Wangen getrieben. Langsam beruhigte ich mich. Schon seit jungen Jahren half mir die körperliche Ausschüttung, die Befreiung der Flüssigkeiten. Auch wenn die Mutter, die Gemeinde und die gesamte katholische Kirche die Lust und die Reibung für schlecht befand, bei besonders großer Aufregung brachte mich das Handeln auf den erdenden Boden zurück.

Ich betrachtete die Anzeige. Lassen sie sich verwöhnen, von Kopf bis Fuß. Ich verwende die neusten Methoden der Liebeskunst. Kommen sie einfach vorbei, jederzeit ohne Voranmeldung, lockten die schwarz-weißen Sätze.
(Auszug aus „Dunkle Verirrungen“)

Selfpublishing

Technisch unbegabt habe ich mich durch die Ratgeber gelesen, geklickt, gelöscht, formatiert und korrigiert. Jetzt schwirrt es da drinnen, da draußen im Netz, mein erstes ebook. http://www.amazon.de/Dunkle-Verirrungen-Kate-Handt-ebook/dp/B00K30P3XG

Acht Kurzgeschichten, die von zwischenmenschlichen Beziehungen, Sex, subtiler und sichtbarer Gewalt, den destruktiven Zerwürfnissen des Lebens handeln. Da ist Vici, die ihren Freund betrügt, Terese, die unter der noch immer bestehenden Herrschaft der Mutter leidet, Andreas der in der Ich Form von seinem Leben, als Mörder und Vergewaltiger berichtet und Amara die in der Hitze Mexikos der Bösartigkeit eines jungen Mannes ausgeliefert ist. Knackig, ironisch, spitzen sich die Geschichten aus dem lapidaren Beisammensein zum Unausweichlichen, zu einer Mischung aus Trauer, Verlust und Düsternis.