Deutscher Reisepass

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Im letzten Jahr dachte ich, dass ich 2016 möglicherweise verreisen könnte und vielleicht sogar mal etwas weiter weg. Der Gedanke war schön, zu schön, auch wenn die Moneten Mangelware sind. So tat ich den ersten Schritt und organisierte s-e-h-r langfristig einen Termin beim Einwohnermeldeamt Prenzlauer Berg. Als dann mitten in der Weihnachtszeit der Tag gekommen war, wünschte ich mir vom Weihnachtsmann einen neuen Reisepass. Heute habe ich ihn abgeholt.

Bitte schauen Sie rein und bei vollster Zufriedenheit unterschreiben Sie“, sagt der Mann mit dem lässigen Karohemd.

Mutig überprüfe ich die Daten. Das Foto habe ich mit dem linken Augen gesichtet. So in Plastik verpackt, sehe ich nicht mehr sonderlich attraktiv aus. Die Modellzeiten sind vorbei, die naive Jugendlichkeit dahin, übrig bleibt eine fiese Fresse. Nicht, dass ich es so gewollt hätte, nein, es ist Bedingung. Der deutsche Bürger mutiert auf seinem Ausweis zu einem Gefängnisinsassen. Er wird als Gefahrenträger deklariert. Symbolträchtiger kann es wohl kaum sein. Der Überwachungsstaat will uns nicht gut aussehen lassen. Ich lasse mich nicht beirren und denke, gut, so ist es eben, die Zeiten haben sich geändert. Mit einem deutschen Reisepass kann ich heute niemanden mehr beeindrucken außer ein paar ein-reiselustige Terroristen. Ob denen solch ein fieser Blick mit ebenso gespannten Mundwinkeln gelänge, ist fraglich. Außerdem bin ich eine Frau. Bisher habe ich noch nie von verkleideten Terroristen gehört oder Terroristinnen, die sich die Haare blond färben.

Im Großen und Ganzen bin ich trotzdem froh, dass ich nun die einstweilige Besitzerin bin und es hoffentlich auch bleibe. Bisher habe ich keinen deutschen Reisepass aus der Hand gegeben. Sogar die guatemaltekische Verbrecherbande, der ich vor vielen Jahren in die Hände geriet, gab mir diesen anständig zurück. Das Geld behielten sie ein, doch das ehrbare Dokument lag wohl, wie glühende Kohlen in ihren Fingerspitzen. Auch der Junkie aus Granada konnte nicht ungehindert mein zweites Ich stehlen. Nach einer wahnwitzigen Verfolgungsjagd zog er den Kürzeren.

Langsam begreife ich. Der deutsche Reisepass verbreitet keinen Spaß, jedoch ist das papiergebundene Ich ein Schutzwall, eine Rüstung in den unendlichen Weiten der Welt. Der deutsche Reisepass in der Brusttasche hält jede lebensbedrohlich Kugel ab. Erkenntnisreich gehe ich anschließend zur Kinderärztin. Ich verweile im Wartezimmer. Ich bekomme mit, wie ein gutmütiger Prenzelbergvater von seinem fünfjährigen Sohn verprügelt wird. Fast möchte ich dazwischen springen und den 1,90 großen Mann verteidigen. In der Hand habe ich das Dokument der Bundesrepublik Deutschland. Der Mann kommt mir zuvor, in dem er schmerzverzerrt sein Kind aus dem Wartezimmer schiebt.